Immer alles auf einmal

... ist das wirklich notwendig?
Ich habe da eine Theorie, warum mir immer so viel auf einmal passiert.

31.08.2010
Eine Kollegin ruft mich überraschenderweise an. Ich denke zuerst an ein Versehen, weil sie wegen einer sehr alten Geschichte die letzten drei Jahre nicht mit mir gesprochen hat. Aber ich nehme beim dritten Klingeln an, dass es Absicht ist und den Hörer ab.
Ohne weitere Vorrede legt sie los: "Du, ich kenn doch deinen Musikgeschmack. Heute Abend gibt es ein Konzert von "Arcade Fire" und ein Kumpel von mir hat eine Karte übrig. Willste nicht mit dem da hin gehen?"
Ich: "Arcade Fire? Das ist ja cool! ...aber ich hab heute gar keine Zeit."
Sie: "Ich geb Dir mal seine Jobnummer ... 030 ... Er ist auch kein alter Sack oder so. Ist grad 40 geworden. Der freut sich, wenn die Karte nicht verfällt."
Ich: "Aber ich kann doch gar nicht"
Sie: "Sag mir mal noch mal deine Handynummer.
Ich diktiere sie ihr brav wie ferngesteuert: " 017... aber Du ..."
Sie: Dann schreib ich ihm gleich mal ein Mail deinen Namen und der Nummer. Ihr findet Euch schon irgendwie zusammen. Er kommt auch her und holt Dich ab wenn Du willst, weil er wohnt in Babelsberg"
Ich: "Aber wart mal ..."
Sie: "Viel Spaß dann!"
Ich: "...?" schaue den Telefonhörer an ... Aufgelegt!

HALLO?! Was war das denn? Ist das nicht komisch, dass einer so viel Aufwand betreibt, um eine Karte nicht verfallen zu lassen? Und obwohl seine Dienst-Nummer in Berlin ist würde er noch mal nach Potsdam gefahren kommen und mich abholen? Ist da nicht was faul? Da muss er ja von Berlin nach Babelsberg und wieder nach Berlin ins Tempodrom zum Konzert? Und was heißt "kein alter Sack"? Dass er in den Augen meiner Kollegin gut drauf ist? Andererseits, wann bekommt man so ein Geschenk? Und mein Sohn hat gerade noch heute früh den Ja-Sager zitiert und dass man viel mehr erlebt, wenn man nicht immer nein sagt... (Kennt er meine Kollegin?)

Nach einer Stunde habe ich mich entschieden.
Für Arcade Fire

Auf dem Weg in die Praxis halte ich im Bioladen an und kaufe als Dankeschön zwei mal leckere Früchte-in-Schokolade-Pralinen. Für meine Kollegin und den fremden Mann. Ich ordne grade Akten, als das Telefon klingelt. Ich hab’s verpasst weil das Handy unter dem Papier verkramt war und schon ist die Mailbox drangegangen, dann kommt ein anderer Anruf und so kann ich erst 10 Minuten später die Mailbox abhören. Nette Stimme hat er. Ich soll mal anrufen wegen heute Abend. Das mache ich prompt.

Er ist irgendwie mit drei Sachen gleichzeitig beschäftigt. Im Hintergrund sind andere Leute zu hören. Dienstgespräche. Es wird schnell klar, dass er der-Chef-vons-Janze ist... Dann ist er ganz Ohr: ob er wirklich extra noch einmal nach Potsdam fahren will? Ja er will sich eh noch umziehen (Sch... Stichwort! Ich bin ja in Arbeitsklamotte und habe GAR NICHTS zum umziehen hier? Na großartig! Eine maßgeschneiderte Wollhose und ein Edelshirt sind ja wahnsinnig passend für ein Rock-Konzert *STÖHN*) und ach und ja die Praxis ist tatsächlich gleich um die Ecke von seiner Wohnung. Hin und her, er wird mich nachher von hier aus mitnehmen.

Ich: "und wann müssen wir los?“
"Er: “Na um 20 Uhr fängt's an, 19 Uhr ist Einlass. Ich weiß aber gar nicht so recht, wie man zum Tempodrom fahren muss?“
"Wegen der Route kann ich aushelfen.“
"Ja ansonsten hab ich auch ein Navi.“
"Okay, wann bist Du hier?“
"Sagen wir zwischen halb und dreiviertel sieben hol ich dich ab.“
"Okay. Du kannst drüben auf dem Netto Parkplatz parken.“
"Wie? Ich soll den ganzen Weg laufen?“
"??? sind doch nur 50 m?“
"War’n Scherz.“
"Achso ... LACH ... ja du kannst natürlich auch hier in der Straße...*
"Also ich komm einfach vor deine Tür gefahren“
"Und wie erkenn ich dich?“
"Na ich bin der, der vor deiner Tür steht?“
"Du sei nicht enttäuscht, aber hier stehen mindestens 10 Autos“
"Okay okay - ich lass den Motor laufen“

Zu pünktlich, vier Minuten vor halb sieben, klingelt es. Ich stehe mit einem Müllbeutel halb im Flur, das rechte Bein in einer unvollendeten Pirouette in der Praxistür, damit sie nicht zufallen kann - so starre den großen Mann (193 cm) bedröppelt von schräg unten an ... zweiter Eindruck, wie auch schon die Stimme: ebenfalls sehr nett.

Auf der Fahrt telefoniert er. Versucht eine Telefonkonferenz herzustellen zwischen Holland, USA, GB und Deutschland und mich mit ein wenig Musik bei Laune zu halten. An der Ampel dann ist da keine freie Hand, um den Gang einzulegen. Später kommt er immer mal zu dicht an die Leitplanke, denn er muss immer wieder das Display checken, SMS oder Mails weiterleiten, sich neu einwählen, Tasten drücken oder Telefonnummern raussuchen. Einmal lasse ich mich hinreißen, das Steuer von der Beifahrerseite aus kurz zu übernehmen. Schien mir sicherer.

Nebenbei versucht er dennoch ein Gespräch mit mir herzustellen. Aber die Fragen, die er mir stellt kann ich nie zu Ende beantworten weil schon wieder das Fon klingelt, jemand eine Info braucht oder die letzte diktierte Telefonnummer nicht gestimmt hat. Mitten auf der Riesenkreuzung Innsbrucker Platz kurbelt er dann sein Fenster runter und ruft laut zu unserem Ampelnachbarn rüber: "Mensch Klasse! Das wir uns hier treffen - sonst sehen wir uns Monate nicht!" Der andere lässt auch die Scheibe runter und lächelt freundlich zu uns rüber. Ich könnt mich schlapp lachen. Der Mann hier neben mir ist ne echte Marke! Jetzt fragt er den Geschäftskollegen im dunklen Anzug, Schlips und Kragen tatsächlich, ob er weiß, wie man von hier gut zum Tempodrom fahren kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sein Bekannter das wirklich will und irgendwie behindern wir auch den nachfolgenden Verkehr, denn inzwischen ist Grün und wir fahren mit zwei Wagen so nebeneinander, dass alle anderen sich wohl oder übel hinter uns einreihen müssen. Irgendwann löst er den Knoten auf, indem er sich von seinem Bekannten verabschiedet LACH

Er hat das Auto erst drei Tage und das Navi hat so seine Eigenheiten. Wo ist beispielsweise der Buchstabe "Ö" versteckt? Endlich haben wir es rausgefunden: Zuerst muss man das O antippen, dann erst kann man angeben, dass man es zum Umlaut umfunktionieren möchte... nun kann ich sogar die Möckernstraße als Suchziel eingeben. Das reicht bestimmt auch ohne Hausnummer aus. Wir trauen uns zu, das Tempodrom wiederzuerkennen, wenn wir es sehen. Dass wir es sehen steht ja auch außer Frage, denn es ist nicht das, was man "klein" nennt. Als die Navi-Stimme verkündet "Sie haben die Zielstraße erreicht" sieht jedoch nichts, aber auch GAR nichts so aus, wie das übergroße Tempodrom-Zelt oder als ob hier ein solches überhaupt Platz hätte. Shit!

Schnell, schnell! Noch ist die Ampel rot und wir versuchen das Ziel zu modifizieren... zwei verschiedene Hände tippen zur gleichen Zeit auf den Touchscreen, was die Zieleingabe nicht beschleunigt. Wir diskutieren währenddessen: Möckerndamm statt straße? Gibt es hier nicht... Äähhh!!! ... Okay! Sonderziele? ... Sehenswürdigkeiten? Nein! ... Autobahnraststätten? Nein! ... Banken? Nein! ... Tankstellen? Öffentliche Ämter? Freizeit und Kultur? ... Nein! Nein! Ja! ... Kino? ... Theater? Sportanlagen? ... Golfplätze? ... Darstellende Kunst? ... Meinste? Na dann nehmen wir das mal, auch wenn man bei "Rock-Konzert" nicht als erstes in "darstellende Kunst" abstrahieren würde. Doch wir werden überrascht! Tempodrom steht tatsächlich unter "darstellende Künste" in Freizeit und Kultur!

Wir sollen links abbiegen und mein Chauffeur muss über zwei Spuren kreuzen. Jemand hupt kurz, aber es gibt kein wirkliches Problem. Außerdem vermute ich laut "Wir haben doch sicher ein Ausländer-Kennzeichen? Potsdam?" Er zuckt die Schultern. Leider steht am Nummerschild ein B - Oh wie peinlich. Ein Berliner in Berlin... Ihn stört es nicht. Er ist Kummer gewohnt. In Potsdam kommt er mit dem B-Kennzeichen auch nicht gut an. LACH

Das Navi zeigt uns in cooler Perspektive, dass es nur noch 500 m bis zum Tempodrom sind und wir finden einen genialen Parkplatz. Den Rest laufen wir, so wie wir es grade dreidimensional auf dem Display gesehen haben: einen kleinen Fußweg entlang. Auf diese Weise kommen wir drei Minuten später direkt neben dem Tempodrom raus. Nur noch über diese kleine Straße hier... halt da kommt ein Auto! Ich habe Zeit, das Straßenschild zu lesen. Das ist doch nicht? Leute haltet Euch fest. die Möckernstraße! Wir waren vorhin doch richtig. Was ein Spaß!

So stehen wir auf dem Vorplatz, können noch in den Sonnenuntergang lunsen und die letzte Wärme genießen. Er zeigt mir die Tickets: "Die sind online ausgedruckt. EINmal hab ich es schon geschafft, damit reinzukommen."
Schrecklassnach: "Wie bitte? Heißt das, wir bleiben unter Umständen vor der Tür stehen?"
Er lacht: "Ach das klappt bestimmt auch ein zweites Mal"

Gerade jetzt scheint endlich seine Telefonkonferenz zustande zu kommen. Wir stehen vor den Eingangstüren und er hat die Online-Tickets in der Hand.
Er: "Bleibst Du mit draußen? Drinnen ist zu laut zum telefonieren!"
Ich: "Nee! Mach mal alleine. Ich muss eh mal aufs Klo und mir ist kalt und ich teste jetzt einfach eins der Online-Tickets!"
Sag’s, nehm ihm eine der Eintrittskarten aus der Hand und marschiere rein. Die Kontrolleurin scannt den Strichcode und das wars. Ich bin drin. Ganz easy (Puuh!)

Dann suche ich erst mal ewig die Klos. Zum Glück bin ich nicht noch ne halbe Stunde draußen geblieben! Das wäre knapp geworden.
An der oberen Bar gibt es richtig guten Kaffee. Zwar aus einem Pappbecher, aber was solls? Ich nasche den süßen Milchschaum und halte nebenbei nach ihm Ausschau. Laufe so lange vor den Türen suchend herum, dass mir die eine Frau vom Einlass anbietet, mich mit meiner Karte noch mal raus- und wieder rein zu lassen, falls ich da jemanden suche.
Ach ... Ääh ... Oops ... Nee ... geht schon in Ordnung ...

Lieber runter in die Konzerthalle. Der Typ von der Vorband (wie heißt das, wenn es sich um einen Solo-Künstler handelt? Pre-Act? Bei wikipedia finde ich morgen heraus, dass er Owen Pallett heißt.) zupft und schlägt auf seiner Geige sehr spezielle Rhythmen und Melodien, die dann in einer Endlosschleife vom Computer übereinander gelagert und wiederholt werden. Das wiederholt er mit mehreren Sequenzen, bis es einen orchestralen Klang ergibt. Erst dann beginnt er zu singen. Eigenwillig aber cool. Um seine Musik nicht als unmelodisch zu empfinden, muss man sich einfach nur mit dem Gehör an eine der zuerst eingespielten Grundsequenzen klammern und die darüber liegenden Teile lose vorbei schweben lassen.

Zwanzig Minuten nach diesem durchdringenden Beginn ist mein edler Spender noch nicht wieder aufgetaucht. Aber das ist irgendwie ungünstig, da meine Handtasche in seinem Auto liegt und ich dann keinen Schlüssel habe, um zu Hause reinzukommen oder so. Also ich MUSS ihn irgendwie wieder finden und schreibe eine SMS: "Links vor dem Mischpult WINK"
10 Minuten später simst er zurück: "Wink noch mal!"
Der ist echt lustig! Ich schreib: "Hast mich etwa nicht gesehen zwischen den anderen 4000 Händen? WINKNOCHMAL
aber okay: Vom Mischpult 1,50m Richtung Bühne und 2m nach links."

Fünf Minuten später haben wir uns entdeckt. Er teilt mit mir sein Bier und wir tauschen uns mit Händen, Gesten und einzelnen geschrieenen Worten über den Pre-Act aus, so gut es eben vor dieser Geräusch-Kulisse eben geht. Zwischen Vorband und Band reden wir dann das erste Mal ein paar ganze Sätze mit etwas mehr Inhalt. Kindheit in Potsdam, Kinder und Elternversammlungen, Beruf ... so ein bisschen. Ich schaue aus irgendeinem Grund auf den Boden und meine Augen bleiben an einem weißen Strich an meinem Ausschnitt hängen. Was ist das?
Oh nein! Ich habe mir einen Streifen gezuckerten Milchschaum auf dem dunkelblauen Shirt platziert. Sieht ordinär aus, wenn ich dran rumputze und wenn ich es so lasse auch. Mist Mist Mist. So lauf ich also schon ne ganze Stunde hier rum! Hach nee!

Dann kommen Arcade Fire auf die Bühne und das Dunkel erlöst mich gnädigerweise. Die acht Leute machen so dermaßen was los, dass nach dem zweiten Song kein T-Shirt im Publikum mehr trocken ist. (Es sind wohlgemerkt trotz August nur 14°C!) Deren ganzer Esprit, die Musik und die Stimmung sind SOOO mitreißend, dass ich mich nach dem dritten Song umdrehe umd ihm ganz aufgeregt "Danke, das ist so der Hammer!" zuschreie. Er strahlt und ich drück ihm nen Kuss auf die Wange.

Auf dem Heimweg im Auto reden wir alle Einzelheiten noch mal mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen durch. Geil geil geil! Ich schwinge noch die ganze Nacht nach und den nächsten Morgen auch, obwohl ich nur zu fünf Stunden Schlaf komme.

01.09.2010
Das beschwingte Gefühl trägt mich durch den ganzen Arbeitstag. Dann fahre ich mit dem Fahrrad nach Hause. Mache einen Umweg, damit es sich sportlich lohnt und weil ich so über-energie-geladen und fröhlich bin. Nach 20 km sehe ich schon aus der Ferne einen Bus quer am Fahrbahnrand stehen und Leute in einer kleinen Gruppe... ich komme vorbei und sehe, dass sie alle um einen Menschen geschart sind, der am Boden liegt. Prompt reiße ich das Rad rum, lasse meinen heiß geliebten Richard gegen die Hauswand fallen und leiste ohne weiter nachzudenken erste Hilfe.

Es ist ein alter Mann. Schlaganfall. Der Busfahrer hatte gesehen, wie er einfach in sich zusammengesackt war und hat angehalten. Mit einem Passagier zusammen hat er den Notarzt gerufen und den Mann schon in die stabile Seitenlage gelegt. Ich greife sofort nach dem Handgelenk des Mannes. Sein Puls ist viel zu schwach. Mist! Auch die Atmung stimmt nicht ... innerhalb einer Miute ist beides nicht mehr tastbar. Ich muss ihn auf den Rücken legen, damit man Beatmen und Herzmassage machen kann ich komme nicht dazu, ihn zu reanimieren, wie ich es gelernt habe, weil ich von einer Frau beiseite gedrängt werde, die verkündet, sie hätte eine medizinische Ausbildung und alle anderen hier wohl keine Ahnung, denn der Mann müsse ja zuallererst in die stabile Seitenlage. Sie hat tatsächlich auch eine Art Sanitasche bei sich. Leider hört sie nicht auf das was ich ihr über den Zustand des Mannes sage und ich bin auch zu geschockt, um mich richtig konsequent durchzusetzen ... er ist gestorben. War klinisch tot zwei oder drei Minuten bevor der Notarzt eintraf...

Während die Rettungssanitäter ihn beatmet, Herz massiert und defibrilliert haben, hab ich mich um die Angehörigen bemüht, die dabei standen. Die waren fix und fertig. Irgendwann als die Leute keine Hilfe mehr brauchten habe ich mich verabschiedet und bin losgefahren. Ich hab so gefroren wie ein Schneider. 12°C im Schatten, komplett durchgeschwitzt vom Fahrradfahren und voller Schreck in allen Knochen und voller Gedanken

Alles in allem wünscht sich jeder Mensch in Würde und Frieden zu sterben. Wäre es gut, wenn er friedlich gestorben mit dem Kopf auf meinem Schoß gestorben wäre? Aber ich wollte doch helfen und es richtig machen und die Reanimation beginnen. Aber dann bin ich nicht dazu gekommen. Wäre es eine Anmaßung gewesen, ihn einfach nur friedlich einschlafen zu lassen? So als wolle man Gott ins Handwerk pfuschen?

Diesen ganzen Kummer und die Selbstzweifel wüte ich wie eine Irre in Richards Pedale. Eine halbe Stunde später kann ich endlich das Tempo nicht mehr halten. Fange mitten im Wald an, laut zu heulen, schniefen und schreien... hat noch einen ganzen weiteren Tag und die Hilfe meiner Homöopathin in Anspruch genommen, bis ich das Gefühl hatte, dass ich alles loslassen kann.

Ich hab mich immer gefragt, ob ich das kann? Im Notfall rausfinden, was zu tun ist?
Antwort: Ja. Kann ich technisch medizinisch einwandfrei. Man schaltet das Gefühl für die Zeit der Entscheidungsfindung aus.

Und ich hab mich auch immer gefragt, wie es ist: ein Toter?
Antwort: kalt, aber nicht ekelig. Eine Leiche ist nur ein menschlicher Körper ohne eigene Aktion. War nicht so schlimm wie ich es mir immer vorgestellt habe.

Und eine dritte Frage hatte ich zeitlebens: Spürt man den Moment oder Akt des Sterbens?
Antwort: Ja. Da war plötzlich kein Leben mehr obwohl der Puls zu dem Zeitpunkt noch schwach da war. Es war nur noch eine Art leere Hülle, aber dafür ein Wärme- oder Dichte-Gefühl rechts hinter mir. Als würde seine Seele dort stehen und zuschauen.

04.09.2010 Damit noch nicht genug.
Laufen ist meine Frischzellenkur, mein Hirn und Körper-Vollwaschgang. Ich brauche das wie die Luft zum Atmen. Auf meinem heutigen Rückweg durchs gottverlassene Obstland bemerke ich im Augenwinkel eine Bewegung, drehe meinen Kopf und entdecke einen splitterfaser nackten Mann, der sein bestes Stück mit der Hand sichert. Also nicht präsentiert, sondern eher wie jemand der friert.

Was zum Geier macht so jemand heute hier mitten in der Pampa?
Entweder er ist ein bekloppter Exhibistionist, der die Zuschauerdichte unserer dörflichen Gegend total überschätzt hat und dann im entscheidenden Augenblick vor Aufregung auch noch vergisst mir das Wesentliche vorzuführen? Oder hat der Mann ne Fußballwette verloren mit seinen Kumpels. Dann steht er schon seit WM-Ende im Juli dort und wartet darauf, endlich von einer Frau gesehen zu werden und ich hab ihn freundlicherweise von seinen Wettschulden erlöst?
Mal im Ernst! Was gibt es bei 15°C Außentemperatur nackt mit Turnschuhen im Obstland zu tun?
Gehört das zur TV-Theorie oder zum Gravitationsansatz?

06.09.2010 Das war ja noch längst nicht alles
Auf dem Heimweg mit dem Rad (ich muss schon gar keinen extra Umweg mehr fahren, um mich sportlich auszupowern) komme ich dazu, wie ein auf der falschen Fahrbahnseite fahrender Radfahrer von einem Auto erfasst wird. Er fliegt 4m durch die Luft gegen einen schmiedeeisernen Zaun. So einer mit Mauer drunter und Spitzen oben drauf. Seine Freundin steht unter Schock und zittert. Sie musste alles mit ansehen und hatte gemeint, er sei tot. Er selbst ist so unter Schock, dass er trotz klaffender Wunde und Knochenhaut-Austritt am Schienbein keine Schmerzen, sondern andauernd aufstehen will udn extrem beleidigt ist, dass er sein Training heute nicht fortsetzen kann. Die Autofahrerin steht ebenfalls unter Schock. Vor ein paar Jahren wurde ihr Sohn auf diese Weise anfahren und sie fühlt sich schuldiger als sie offensichtlich ist...

Ich helfe, versorge und bleibe da, bis Polizei und Notarzt eintreffen. Dann gebe ich zur Zeugenaussage und/oder Nachsorge der Geschockten meine Visitenkarte weiter und radle vorsichtig nach Hause.

08.09.2010 Nee, nee. Das war noch nicht alles.
Ich habe heute nach getaner Büro- und anschließender Praxisarbeit noch ein Referat zu halten, welches ich wegen der Ereignisse der letzten Tage gar nicht richtig vorbereitet habe. Dabei hängt für mich und meine Praxis eine Menge davon ab. Stichwort Patientenzustrom.

09.09.2010 Da geht doch noch was.
Eingebettet in den ganz normalen Wahnsinn im Büro (ausgerechnet heute gibt es lauter Sonderfälle, die keinerlei Aufschub vertragen) muss ich ein weiteres Referat halten. Artfremdes Thema, keine Vorbereitungszeit, nicht noch einmal verschiebbar. Ich bekomme gute Kritiken und Rückmeldungen, bin aber inzwischen ziemlich ausgekaut.

10.09.2010 Drittletzter Akt
Morgen ist mein Vortrag über Scharlach fällig. Nein! Vorträge und Seminare sind nicht mein Beruf. Dann wären sie kein solcher Stressor mehr für mich, sondern Routine. Also wie gesagt, morgen soll ich die Pathogenese, Komplikationen, schulmedizinische Behandlung, alternative Unterstützung und homöopathische Nachsorge darlegen. Das Publikum sind Fortgeschrittene, die selber viel Ahnung vom Thema haben. Der Stoff für etwa 2 bis 3 Stunden verlangt sowohl in der Vorbereitung als auch beim Vortragen volle Konzentration. Dies fällt mir inzwischen sehr schwer, denn aufgrund der letzten unruhigen Tage bin ich recht kraftlos und müde so kurz vor Mitternacht!

11.09.2010 7:21 Uhr
Das Telefon weckt mich. Das versucht es zumindest, denn in mein Erschöpfungs-Schlaf-Koma dringt nur ein Traum in dem ein Handy klingelt... Da das im Traumgeschehen doch nicht so ganz nahtlos einzufügen geht, tauche ich schicht- und schrittweise aus dem Traumland auf und verinnerliche irgendwann sogar, dass solch ein Telefonklingeln eine Handlung erfordert und zwar DRINGEND! Anrufe am Samstagmorgen VOR 8:00 Uhr sind keine, bei denen die Absicht eines Kaffeeklatsches oder Plauderstündchens besteht. Shit!

Ich hab irgendwie Angst, was mich erwartet. Zu Recht. Auf dem AB ist die Schwester der Tagespflege in der meine hilfsbedürftige Oma seit gestern untergebracht ist. Sie soll 7 Tage dort bleiben, damit meine Eltern zum ersten Mal nach anderthalb-Jahren_Rund-Um-Die-Uhr-Oma-Pflege ein paar Tage wegfahren können. Die Schwester klingt ernst. Ich soll schnellstmöglich zurückrufen. Sch...!

Eine halbe Stunde lang versuche ich immer und immer wieder jemanden zu erreichen. Erfolglos. Sicher ist dort grad Frühstückszeit? Es wird ja hoffentlich keine so große Katastrophe passiert sein, dass niemand mehr ans Telefon gehen kann? HILFE!
8:37 Uhr schaffe ich es, mit jemandem zu sprechen. Ihre Worte beginnen mit: "Es tut mir sehr leid, aber Ihre Oma ist heute Nacht..." Ich schlucke und der Film in meinem Kopf ist kein guter: ich allein mit den Formalitäten einer Beerdigung? ... Sie vollendet ihren Satz mit: "... im Bad gestürzt und musste wegen einer schweren Platzwunde ins Krankenhaus eingeliefert werden." der folgende Film ist nicht besser: schwere Kopfverletzung weil sie wegen eines Schlaganfalles gestürzt ist, nicht ansprechbar, kurz vor dem Aus...?

Mist mist mist. Was denn nun? Ich renne ziellos durch die Wohnung und finde keinen Anfang und kein Ende nur Fetzen von Ideen und Themen, die ich nicht lösen kann. Nur EIN einziger Gedanke ist klar genug, dass ich ihn festhalten und umsetzen kann: Ich rufe meine Freundin an, die KANN denken. Per Telefonseelsorge, Notfalltropfen und Aconit C30 päppelt sie mich auf. Dann steht die Reihenfolge fest:

1 Duschen, 2 kleines Frühstück, 3 Nachthemd, 4 Unterwäsche, 5 Strickjacke für die Oma raussuchen und einpacken, 6 im Tagespflegeheim die Papiere und die Waschtasche holen, 7 in die Praxis fahren, um die homöopathische Notfallapotheke einzusammeln, 8 unterwegs meinem Bruder Bescheid geben, 9 ins Krankenhaus zur Oma und 10 zum behandelnden Arzt...

Die Schwester im Heim ist untröstlich und sehr hilfsbereit. So bin ich schon zehn Minuten später wieder im Auto. Noch 30 Minuten weiter bin ich bei der Omi auf der Bettkante. Sie wurde mit 5 Stichen genäht. Die Wunde blutet noch immer und ist suppig, weil ein zwei-Euro-Stück großer Hautfetzen heraus gerissen ist. Das Nasenbein ist gebrochen und sie sieht furchtbar aus. Überall getrocknetes Blut, das Hämatom am Kopf ist 8 x 9 x 1,5 cm groß und dick. Sie hat blutunterlaufene Augen. Der Arzt ist nicht zu sprechen, da es ein Notarzt aus der Nachtschicht war.

Oma weint und weint, weil niemand da war. Schon seit Jahren besucht sie keiner mehr und sie kennt auch niemanden mehr von diesen ganzen neuen Menschen! (Wir wohnen zusammen. Wir sind immer da. Oma hat Alzheimer-Demenz und mitunter ist es fies, wenn sie mir sagt, ihre Enkelin -das bin ich- sei schon Jahre desinteressiert an ihr. Aber dafür würden die Kinder von der jungen Frau in ihrem Haus manchmal! nett grüßen ... Die junge Frau bin auch ich und deren Kinder sind meine und die sind dauernd bei ihr ... ohne Worte!
Ich heule mir auch die Augen aus. Nur aus anderen Gründen als die Oma.

Der Krankenpfleger macht mit Oma die Grundanamnese fertig. Eigentlich sind die Gespräche lustig, wenn es nicht so traurig wäre?
er: "Wissen Sie, wie groß Sie sind?"
sie: "Nein. Ich kenne die alle gar nicht mehr, aber wir waren früher mal eine große Familie."
ich schaue ihm über die Schulter auf den Bogen: "Oma ist etwa 150 cm groß und wiegt 48 kg"
er schaut verstehend: "Na gut. Und gehören Sie einer Religion an?"
sie ist peinlich berührt von seiner Frage und antwortet entrüstet: "Nee. Sowas haben WIR nie gemacht! Das soll ja auch ungesund sein."
ich frage sie langsam formuliert: "Oma, wart ihr immer in der evangelischen Kirche?"
sie: "Ja evangelisch kenne ich"
wir sehen uns an und er zuckt die Schultern, kreuzt "evangelisch" an und fragt weiter: "können sie sich an den Unfall erinnern?
sie: "Unfall? Ich hatte noch nie einen Unfall. Wissen sie junger Mann, damals im Krieg gab es manchmal Verletzte, aber mit denen sollten wir uns nicht abgeben, falls die Typhus haben oder so. Damit wollte ich nie was zu tun haben. Mein Vater war ja Heilpraktiker, da hat er ... "
Es dauert drei Stunden, bis ich alle Formulare ausgefüllt, alles besorgt, verstaut, organisiert, notiert oder sonstwas habe. Die Kolleginnen in der Schule warten seit über drei Stunden auf mich. Zum Glück bin ich nicht die erste Referentin! Schnell sage ich Bescheid, wann ich da sein könnte.

11.09.2010 14:45 Uhr
Ich halte in ziemlich desolatem Zustand ein zwar vollständiges, aber irgendwie tempoloses Referat, das üblicherweise gar nicht zu mir passen würde. Dennoch loben mich die Mit-Studentinnen. Sie hatten schon die Befürchtung, dass ich sie in meiner wohlbekannten wild-energetischen Art überfordern würde.
Na immerhin. Für sie hatte mein Zustand was Gutes. Ich selber fühle mich krank und schlapp.

12.09.2010 2:35 Uhr
Ich erwache stöhnend aus dem Schlaf und frage mich einen Moment lang besorgt, was mich geweckt hat. Telefon? Ich lausche. Nein. Da ist nix. Zum Glück. Aber, aua! Was ist das? Ich habe keinen Hals mehr sondern einen Feuerball zwischen Kopf und Schultern. Ich kann nicht schlucken oder atmen. Schmerzen sind das! ... Ich gurgele mit Salzwasser, wobei mir vom Anfangs-Schmerz die Tränen laufen. Die Ohrenschmerzen bemerke ich, als das Gurgeln etwas den Hals beruhigt (hätte och doch lieber nicht gegurgelt?) ... Dem Blick in meinen Rachen und in den Spiegel folgt Entsetzen: alles feuerrot. Die Mandeln sind doppelt so groß wie normal, mein Augen sind glasig, mir brennen die Augen und der Kopf ist heiß - sieht aus wie das Anfangsstadium von Scharlach. Kann man sich beim drüber reden damit anstecken? Nein. Mein Kopf ist nur wirr und zieht seltsame Parallelen. Morgen werde ich einfach nur zum Arzt gehen. Ich bin echt fertig aber alles wird gut.

Aber wer weiß, wozu das alles gut ist. Wenn ich mich nicht allzu dämlich anstelle begreife ich die Lehre eventuell. Oder ich finde raus, wieso MIR das alles passiert und anderen nicht. Vielleicht. Gute Nacht derweil! ich kann heut nicht mehr denken.



Ich habe bei Douglas Adams (oder war es Terry Pratchett?) einen sehr passenden Spruch gelesen:
"Der einzige Zweck der Zeit besteht darin, zu verhindern, dass alles auf einmal geschieht".

Daraus kann man ganz logisch ableiten, dass Theorie 1 a): ich ganz offensichtlich weniger Zeit zur Verfügung habe, als ich gewillt bin zu erleben und darum muss bei mir immer alles haufenweise aufeinandergequetscht passieren.
Oder b) (und das kommt mir sehr viel wahrscheinlicher vor, denn nach der Gaußschen Normalverteilungskurve sind Ressourcen immer gleichmäßig verteilt auf der Welt) die Zeit ist ja keine Konstante sondern im Grunde eine Illusion oder bestenfalls eine besondere Form von Energie (wirklich schlimm wäre es, wenn sie eine Erfindung der Uhrenindustrie wäre!) Darum ist sie beweglich und kann immer mal wieder auf einen winzigen Punkt zusammenschrumpfen. Zum Beispiel wenn die Gravitation (Gravitation = Ansammlung von Energie in Form von Masse/Materie oder in leichterer Form = schwingende Energiefelder wie zum Beispiel um Magneten) um mich Energiebündel drumherum einfach so stark wird, dass die Zeit mitsamt der in ihr angehäuften Ereignisse ganz dicht an mich heran gepresst wird. Da kann sie sich ja nicht mehr angemessen im Universum aller Erlebnisse oder zwischen verschiedenen Menschen verteilen. Im Anschluss, wenn bei mir durch den Schreck der vielen Ereignisse meine Energie ein bisschen abfällt, kann die Zeit inklusiver aller Geschehnissen wieder ein klein wenig von mir abrücken. Eine Art fluktuierende Bewegung ist das. So wie das Universum sich periodisch ausdehnt und wieder zusammenzieht.

Theorie 2 haben meine Kinder entworfen und wird in Insider-Kreisen die TV-Theorie genannt:
In den ganzen sitcoms und daylie soaps (schreibt man das so?) kommt das alle Nase lang vor, dass ein Unfall passiert und die Leute sich hilflos um das Opfer scharen. So lange, bis einer von hinten ruft "Lassen sie mich durch! Ich bin Arzt!" Mein Sohn meint, ich sei ja jetzt sowas wie ein Arzt. Da gehört es zu meiner ethisch-moralischen Verpflichtung immer dort zu sein, wo ich gebraucht werde. Und meine Tochter ergänzt: Damit die ganzen TV-Serien überhaupt einen Bezug zur Realität behalten muss es Leute geben, die das erleben, was dort gefilmt wird. Eines kann ohne das andere nicht existieren.
Ist doch alles im Grunde ganz einfach und logisch.

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