Ferienlaune

Manche Menschen erleben IN ihren Ferien so viel, dass sie ein Buch darüber schreiben könnten. Bei mir geht das auch innerhalb von 24 Stunden. Das hier ist die stark auf das Wesentliche begrenzte Version:

April 2010, später Sonntagnachmittag

Ich gehe nur mal schnell ins Bad zum Hände waschen und da es draußen schon dämmerig wird, habe ich das Licht angemacht. Nun muss ja nicht jeder in unser Badfenster gucken können, also sollte ich das Rollo herunter lassen. Ich löse die Strippe, es gibt ein komisches Geräusch zwischen Stoffreißen und Glasbruch, dann einen kurzen Schmerz an meinem rechten Knie und ein lautes "Klonk". Dann liegt das Rollo vor mir auf den Fliesen und am Fenster baumelt unschuldig noch ein Stück der Rollo-Strippe, notdürftig repariert mit einer Haarspange.

Denken wir kurz nach, wer gerissene Strippen mit Haarspangen zusammenflicken würde? Richtig. Es war wahrscheinlich nicht mein Sohn.

Ich muss lachen und marschiere zu meiner Tochter, um zu fragen, ob sie mir helfen würde, das Rollo richtig zu reparieren. Sie sitzt im Halbdunkel und da fällt mir wieder ein, dass wir die Deckenlampe, die wir für sie bei Ixxx gekauft haben, noch nicht angebaut haben. Okay. Eins nach dem anderen. Erst die Lampe, dann das Vergnügen mit dem Rollo. (Das haben wir übrigens auch von Ixxx und es hat uns schon vier Jahre treue Dienste geleistet!).

Ab in den Keller, Werkzeug holen! Der Akkuschrauber ist kaputt. Mist. Also der Schrauber nicht, aber das Ladegerät für den Akku. Und selbstverständlich sind sowohl dieser als auch der ErsatzAkkus seither leer geblieben und der zweite Akkuschrauber den wir haben, da ist wiederum der Akku hinüber und der lässt sich trotz funktionstüchtigem Ladegerät zu nix mehr bewegen. SEUFZ Muss ich erwähnen, dass beide Geräte untereinander nicht kompatibel sind? Nun ja. Es gibt ja auch noch Schraubendreher. Machen wir das ganze doch einfach oldschool. Ich fühle mich gleich um Jahre jüger!

Ich klettere auf einen Barhocker, da die Leiter auf unerklärliche Weise nicht in der Werkstatt oder im Garten auffindbar ist. Das ist nicht bequem und auch nicht sonderlich wackelfrei, aber ich bin so urlaubs-gut-gelaunt, dass mich das gar nicht anficht. Wie nach diesem Auftakt nicht anders zu erwarten, sind die alten Schraubenköpfe ziemlich ausgenuddelt, so dass ich mich ordentlich abmühen muss, bis ich die alte Lampe von der Decke montiert habe. Neue Schrauben geholt, Unterbau der neuen Lampe an die Decke geschraubt (die alten Löcher passen, Hurra!) und jetzt noch schnell anklemmen BRZzzzz Äh? Was denn nun? Mein Kind hatte wohl den Lichtschalter doch angelassen und so habe ich einen Kurzen fabriziert, der F1-Schalter hat mich vorm Stromtod bewahrt und geschlagene zwei Sekunden später stehen meine beiden Kids, die sich bis eben noch in möglichst großer Entfernung aufgehalten haben, um nicht aus Versehen helfen zu müssen, neben meinem Barhocker und nein! Sie wollen mich nicht retten oder gucken, ob ich lebe. Sie buhen mich aus, weil der Spielstand nicht auf der PS3 gespeichert war und der Brief an die beste Freundin mitsamt dem PC ins Nirvana der Datenautobahnen abgestürzt ist.

Ich denke ein Mantra: "Du hattest Urlaub. Du bist gut erholt und gut gelaunt. Gleich sind alle Herausforderungen gemeistert."

Unglaublich! Ich kann lachen und meinem Sohn erklähren, wo der F1-Schalter im Sicherungskasten im Keller ist (leider dunkel dort unten ohne Strom, aber wir haben ja noch meine Stirnlampe vom Laufen) und dass er erst den wieder anschlaten und dann die Kinderzimmer-Sicherungen beide ausschalten soll und bitte: jemand könnte den Lichtschalter ausmachen und nicht nochmal anschalten bis ich fertig bin.

Zweiter Versuch ... BRZzzzz ... Was denn nun wieder? Ah! Eines der Kabel ist nochmal aus der Lüsterklemme gerutscht und hat den zweiten Kurzschluss verursacht. (Welche Sicherungen hat mein Sohn denn nun an- und welche ausgeschalten?)

Dritter Versuch ... BRZzzzz ... Ich schwitze, ich kann nicht gut sehen, was ich da tue, weil ich vom Barhocker aus nicht hoch genug an die Zimmerdecke komme und ich bin ein bisschen krötig, als mein Vater den Kopf zur Tür reinsteckt mit der vorwurfsvollen Frage, ob ich vorhabe jemanden umzubringen oder wozu ich dauernd Stromausfälle verursache?! Das finde ich so blöd, dass ich ihn rauswerfe: "Ich kann das allein!" ... Mein Sohn flitzt nochmal in den Keller zum Sicherungskasten...

Vierter Versuch mit Grubenlampe auf der Stirn: Ah!!! Na sowas! Ixxx hat da ganz klitzekleine ins Metall eingeprägte Symbole neben der Lüsterklemme angebracht. Kaum zu erkennen. Und nein, in Schweden ist das grün-gelbe Kabel nicht das Neutrale, sondern das stromführende. Na da kann ich ja mit meinen deutsch-geklemmten Kabeln noch viele Kurzschlüsse verursachen ... BRZzzzz ... oh nein! Beim Tauschen der Kabel sind zwei zusammengekommen *grrrr* ... Mein Sohn bleibt diesmal gleich oben, um seine Energie zu sparen und schon mal am anderen Stromkreis im Wohnzimmer seine PS3 zu rebooten.

Füfter Versuch. Der Schweiß läuft in Strömen (zum Glück nach unten von dern Elektrik weg). Endlich sind alle Kabel richtig geklemmt. Ich rufe meinen Sohn, um ihn in den Keller zu schicken. Er hat jetzt keine Zeit. Meine Tochter rennt schnell für ihn los, da sie mein rotverschwitztes leicht entnervtes Gesicht sieht.

HA! Das Licht brennt, ich kann die Lampe zumachen und ... BRZzzzz ... Nein! Nein! Nein! Haben sie schon mal eine Frau auf einem Barhocker einen Rumpelstielzchen-Tanz aufführen sehen? Nicht? Muss gut gewesen sein, denn meine Tochter lacht. Und das nur, weil ich doofe Nuss beim Lampe zumachen mit dem Schraubenzieher nochmal was überbrückt habe.

Also nach 5 Stromunterbrechungen konnte ich das ganze Werkzeug erhobenen Hauptes in die Werkstatt bringen und nochmal in den Sicherungskasten im Hauswirtschaftsraum schauen und dann konnte auch ich nur noch lachen: da steht seelenruhig unsere Leiter. Ich glaubs nicht! Und die Kids sagen mir das nicht, obwohl sie da bei jedem meiner Kurzschlüsse über die Leiter gestolpert sein müssen?

Das Rollo ist nicht ganz so tückisch wie die Lampe mit den schwedischen Kabeln. Trotzdem brauche ich mehrere Versuche, denn es gibt keine kleinen eingeprägten Symbole und wenn die Schnur erst einmal ausgefädelt ist, hat man ja keine Vorlage mehr zum abgucken... Ich komme mir vor wie eine Katze mit einem Wollknäul, aber nach einer halben Stunde schwitzen, fädeln, verwerfen und neu probieren ist es geschafft.

Ich war übrigens die Liebe, bin zu meinem Vater gestiefelt und hab ihm erklärt, dass es mir beinahe leid tut, aber die blöde Unterstellung eines Suizidversuchs hätte er sich klemmen können! Eine beispielhaft einfache Frage wie: "brauchst Du Hilfe?" Hätte allen Beteiligten bessere Reputationen eingebracht. Er grinst nur: "Wie sagst Du immer? Ich Dich auch?" ... dann haben wir uns wieder lieb.

Gleicher Sonntag, abends, 21:00 Uhr

Jetzt wo ich mir den Wecker stellen muss fällt es mir wieder ein: Die Ferien sind zu Ende. Ach herrje... Wir müssen morgen also irgendwie wieder zurück in den Alltag finden. Erste zu klärende Frage: Wer nimmt nächste Woche die Kinder morgens mit in die Stadt zur Straßenbahn? Ich oder die Mutter des anderen Mädchens? Wir wohnen j.w.d. und mit einem der stündlich fahrenden Busse bekommt man keinen günstigen Anschluss nach Potsdam und so würden die Mädchen dauernd zu spät zum Unterricht kommen. Doch es ist ja kein Hit, dort anzurufen! ... tuut .... tuut ... der von Ihnen gewählte Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar...

Komisch! Noch ein Versuch: ... tuut .... tuut ... der von Ihnen gewählte Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar... Na dann schick ich ne SMS ... keine Empfangsbestätigung ... Noch ein Anruf: ... tuut .... tuut ... der von Ihnen gewählte Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar... Wie jetzt?! Ist doch ein Witz, oder? (Kleine Erklärung am Rande: unsere Kanzlerin hatte ja vor 4,5 Jahren versprochen, dass DSL zukünftig in allen Regionen Deutschlands verfügbar sein soll. Tut es aber nicht. Darum haben viele bei uns im Dorf gar kein Festnetztelefon sondern nur Mobiltelefone mit Festnetz-Flat...) Aber unabhängig von der Netzabdeckung und DSL-RegionsVerbreitung: Was mach ich denn nun?

Ruhe bewahren.

Ordnungsgemäß bewahre ich innerlich die Ruhe und erhalte mir meine positive, erholte, entspannte Ferienstimmung. Ich beschließe, dass ich einfach morgen früh so pünktlich fertig sein werde, als müsste ich die Kinder mitnehmen und lasse mich überraschen. Dann wird sich zeigen, ob das Mädchen bei uns vor der Tür steht und mitgenommen werden will, oder ob ihre Mutter mit dem Auto und ihrem Mädchen an Bord vorfährt, um meine Tochter mitzunehmen. Ist ja im Grunde nicht schwierig, auch wenn es nicht der gaaanz ruhige Tagesstart wird. SEUFZ

Montagmorgen, 6:30 Uhr

Nach einer unruhigen Nacht mit verwirrenden Träumen von Riesenhummern auf der Straße, reißt mich der Wecker unsanft in den Tag. Dann hat der Eierkocher nicht gepiepst - jetzt ist mein Frühstücksei statt samtweich steinhart. Der Kater kotzt (Pardon!) mir freundlicherweise vor die Füße - Gott sei Dank nicht DRAUF. Ich schneide mich mit dem Rasiere an der Wade und blute das weiße Handtuch coll, weil ich es nciht bemerkt habe...
Aber meine Ferienlaune ist noch immer unsagbar gut! Ich bin am grinsen, als ich mit meiner Tochter in die morgendlich kühle Luft hinaustrete.

Gerade als wir an den Carport kommen, hält die andere Mutter mit dem Auto vor unserer Auffahrt. Das sind ja wunderbare Nachrichten! Ich bin diese Woche nicht mit der Fahrerei dran und kann an ein oder zwei Tagen morgens vor der Arbeit noch joggen gehen. Hurra!

Meine Tochter rennt zu ihrer Freundin und ich will inzwischen mein Auto aufmachen. Simba hat schon so eine moderne Fernentriegelung. Nichts passiert. Ich halte den Schlüssel höher. Nichts passiert. Anderer Winkel. Nichts passiert. Ich stecke den Schlüssel ganz altmodisch ins Schloss. Kein "KLICK" der Zentralverriegelung, sondern nur die Fahrertür geht auf und die Innenraumbeleuchtung bleibt aus. Ich lasse die Tür ins Schloss fallen. Mist!

Innerhalb von Sekundenbruchteilen folgt nun eine erstaunliche Anzahl Gedanken:

  1. Die Batterie muss leer sein.
  2. Ohne Batterie nix Autofahren.
  3. Ich komme ohne Auto hier erst in ner halben Stunde weg.
  4. Die Mutter von dem anderen Mädchen hat ein Auto.
  5. Es ist fahrtüchtig.
  6. Sie fährt nach Potsdam.
  7. Ich muss auch nach Potsdam.
  8. Sie könnte mich mitnehmen.
  9. Jetzt in diesem Moment fährt sie los.
  10. Das wird knapp.
  11. Denk nicht! Lauf!
Respekt.

Meine Beine folgen so unvermittelt der Aufforderung meines wahnsinnig schlauen Hirns, dass mir der Korb mit den leeren Flaschen (zum Glück ist heutzutage alles recycle-bare Kunststoff-Ware!) für den nachmittäglichen Einkauf neben dem Auto zu Boden geht. Ich lasse ihn liegen und renne quer unsere kleine Böschung runter auf die Straße. Direkt vor ihr Auto. Quasi als Kühlerfigur verhindere ich, dass sie weiter fährt. Sie schaut verdattert zu, wie ich zur Beifahrertür renne, sie aufreiße und mich zwischen ihren verschiedenen Taschen auf den Beifahrersitz quetsche. Ich erkläre ihr mein Verhalten kurz und büdig unter Verwendung des Gedankens Nummer 10: " Das war knapp."

Heute ist mir klar, warum sie mich so komisch angeschaut hat. Sie kannte ja die Erkenntnisse 1 bis 9 nicht. Aber ich habe es ihr unterwegs erklärt. Ganz ruhig. Sie will mich auch nicht mehr in einer psychiatrischen Abteilung abgeben und ihre Tochter darf nächste Woche auch wahrscheinlich wieder bei uns mitfahren.

Montagnachmittag, 14:30 Uhr

Meine Ferienlaune ist wirklich wirklich sehr stabil! Ich komme sehr relaxed über den ersten Arbeitstag. Meine Eltern rufen nur einmal ziemlich aufgeregt auf meinem Handy an, ob alles mit mir in Ordnung ist? Das Auto steht ja dort zu Hause und wo bin denn dann ich? Ich beruhige sie, dass es mir gut geht, ich nur die Batterie laden muss und morgen alles wieder sein wird wie immer.
Mittags gehe ich mit meiner Kollegin nach dem Essen noch ein Stück an der frischen Luft spazieren und erzähle ihr kurz von meinem lustigen Tagesstart, da kommt mir (Schreck lass nach!) eine Erkenntnis:

Wenn ich ohne Auto hier bin, wie komme ich denn dann wieder nach Hause? (Vor die Stirn hau!)

Ich dränge zur Umkehr, flitze ins Internetcafe und suche eine Busverbindung raus: Mit dem 631 bin ich 16:38 in Kugel, muss 8 Minuten warten und kann dann mit dem 633 bis zu mir nach Hause gondeln. Klingt einfach. Wo ist die Abfahrtshaltestelle und wie lange läuft man bis dorthin? Wie heißt meine Heimathaltestelle (immerhin hat unser Dorf fünf! Haltestellen, die ich als Autofahrer nicht so gut kenne!) All das finde ich Dank googlemaps schnell heraus und Dank meiner Erfahrungen mit Halbmarathon und Lauftrainings weiß ich auch, wie lange man zu Fuß bis zur Einstiegshaltestelle ungefähr brauchen wird. Ich bin gerüstet. Der Feierabend kann kommen!

Er kommt und ich gehe vorsichtshalber etwa 15 Minuten zu früh los - nur so zur Sicherheit, damit ich nicht nochmal die Kühlerfigur machen muss.

Ich komme aus dem Waldstück an die Bundesstraße. Jede Fahrtrichtung hat zwei Spuren, getrennt durch einen Grünstreifen und um diese Uhrzeit sehr! dicht befahren. Ah! Da! Eine Lücke! Ich husche bis zur Mitte und ... äh wie was? Da drüben steht der 631er Bus! Och nööh! Von rechts kommt ein Auto nach dem anderen wie an einer Schnur aufegfädelt. Keine Lücke weit und breit zu sehen. Ich überlege, ob ich alles riskieren und einfach dazwischen springen soll? Da gibt mir ein netter Autofahrer Lichthupe und mit einer 6,0 in der B-Note sprinte über die Fahrbahn, hechte ganz nach vorne zum Bus, der extra auf mich gewartet hat. Ich bedanke mich bei der Busfahrerin und sage ihr auch gleich, dass ich eine Fahrkarte bis zu Hause brauche. Sie guckt, denkt kurz nach und meint dann: "Das ist mir zu kompliziert. Kaufen Sie sich einfach nachher eine Fahrkarte in ihrem Umsteigebus."

Freudig verwirrt über soviel Glück und Freundlichkeit bedanke ich mich nochmal sehr herzlich und setze mich hin.
Während die kleinen märkischen Häuschen der folgenden Dörfer an mir vorbeiziehen merke ich, wie müde ich bin. Aber ich traue mich nicht, die Augen zuzumachen, damit ich meine Haltestelle nicht verschlafe.

Ich habe nicht verschlafen sondern stehe quietschfidel in Kugel an der Bushaltestelle und schaue zur Uhr. Der Bus kommt um 16:38 und jetzt ist es 16:22. In diesen 16 Minuten kann ich noch schnell die drei Schritte zum Supermarkt rüber rennen und wenigstens noch eine Milch und ein Rudel Tomaten kaufen. Gesagt getan. 16:30 stehe ich an der Kasse. Die Frau vor mir hat den Wagen so vollgepackt, dass die Produkte oben schon rausrutschen. Ich spreche sie an und frage sehr höflich, ob ich mit meinen Tomaten und der Milch vorgehen dürfte?

Sie taxiert mich einmal von oben nach unten und knurrt dann: " Na wenn Sie nicht mit Karte zahlen!"
Das hatte ich nicht vor, bei einem schätzungsweisen Gesamtpreis von 2,00 Euro... Also antworte ich höflich: " nein, nein. Ich habe genug Bargeld und ich hab es auch nur deshalb eilig, weil ich meinen Bus schaffen muss."
Sie mustert mich nochmal, ob ich vertrauenswürdig aussehe oder eventuell eine Lügnerin bin?
Na egal. Sie lässt mich vor. Das zählt.

Pünktlich 16:36 stehe ich wieder an der Haltestelle. Passt wie die Faust aufs Auge! 2 Minuten später kommt der Bus. Aber ... äh? *augenreib* Das ist doch der 631er...?! Es folgt die für meine Person obligatorische Gedankenkette:

  1. Ist das schon der nächste 631er?
  2. Ah nein! Weil ich 15 Minuten zu früh im Büro los gegangen bin habe ich den früheren 631er erwischt.
  3. 16:38 ist die Ankunftszeit des von mir ursprünglich geplanten 631er Busses in Kugel
  4. Der 633er fährt erst in 8 Minuten ab
  5. Da hätte ich im Supermarkt ganz in Ruhe einkaufen und bezahlen können.
Meine Tochter steigt aus diesem 631er, den ich wahrscheinlich in meinen Gedanken versunken ziemlich doof angucke und bleibt so unauffällig wie möglich neben mir stehen. Soll vielleicht nicht jeder wissen, dass wir uns kennen und zusammen gehören. Ich beachte sie so wenig wie möglich - für ihr Empfinden sicher immer noch zu doll, denn sie schaut in die Luft. Wenigstens schickt sie mich nicht weg, als ich mich zehn Minuten später -endlich im 633er Bus- neben sie setze. Ich habe übrigens auch einen Fahtrausweis gekauft. Zwar weiß ich nicht, ob ich den nochmal hätte abstempeln müssen, aber niemand protestiert, also lass ich es dabei.

Selber Montag, später Nachmittag, 17:20 Uhr

Zu Hause angekommen, beschließe ich, schnell das Ladegerät an meine Autobatterie anzuschließen und dann laufen zu gehen, um etwas abzutouren. Ich springe also in meine Laufklamotten und flitze in den Carport, um das Auto aufzumachen, von da aus außen herum in die Werkstatt im Keller. Das Ladegerät muss doch hier irgendwo ... hmpf ... vor ein paar Wochen war es doch noch ... kram ... das verstehe ich nicht ... such ... vielleicht hier? ... wühl ... also das ist ja jetzt doof ... kopfkratz ... Wo hat mein Vater es denn wieder hingesteckt? Das macht er immer. Er braucht es, dann räumt er es weg und erinnert sich nicht mehr wohin, dann gehe ich suchen und wir finden es ordentlich im Regal im Keller und die Welt ist wieder in Ordnung. Warum klappt das heute nicht?

Schwer seufzend mache ich mich auf den Weg ins Dachgeschoss zu Papa. Vielleicht ist er da und hat ne Idee? Aber ich muss gar nicht bis ganz oben. Es liegt im Treppenhaus. Mein Papa hat es vorsorglich schon für mich rausgelegt. Schade, dass ich das nicht wusste - es hätte mir ne Menge Zeit gespart. schmunzel

Der Rest geht schnell. Das Ladegerät ist ein altes aus der DDR. Da waren alle Kabel (ich hoffe sehr, dass mich meine Erinnerung nicht täuscht, da mir die schwedischen Lampe von gestern noch im Kopf rumspukt) schwarz für PLUS, wenn der rote Kunststoff grad wieder augegangen war und blau für MINUS. Einen Moment zögere ich dennoch. Vor meinem inneren Auge spielen sich Szenen aus verschiedenen Action-Filmen ab: Der Held schwitzt beim Entschärfen der Bombe "Erst der Blaue oder lieber der Rote?" Großaufnahme von seinem schwitzenden Gesicht. Er knipst einen Draht durch, die Kamera blendet um und KRAWUMM alles fliegt in die Luft ... unterlippekau ... Ich untersuche vorsichtshalber nochmal das Ladegerät, aber es gibt keine Hinweise oder Symbole... Nun denn ... Augen zu und durch!

Ha! Keine Sicherung fliegt raus, kein Fluchen erschallt aus den Kinderzimmern, auch bei den Nachbarn oder an der Straßenbeleuchtung ist nichts Auffälliges zu bemerken ... ich habe auch keinen Stromschlag bekommen und das Auto ist nicht in die Luft geflogen. Coole Sache!

Eine Stunde später habe ich mich beim Laufen innerlich gut aklimatisiert und schaue doch vorsichtshalber nochmal nach dem Ladegerät und dem Auto und stutze: Da ist doch sonst immer eine Kontrollleuchte an?! ... grübel ... Die Kabel haben Kontakt ... check ... rot an plus und blau an minus ... check ... der Schalter am Ladegerät ist auf 12V eingestellt ... check ... der Stecker steckt fest im Verlängerungskabel ... check ... das Verlängerungskabel steckt ... Ah! Es steckt gar nicht in der Steckdose. Na was für ein Kunststück! Da wäre über Nacht kein bisschen Strom bis zur Batterie gekommen und mein Start in den Dienstag hätte alle Voraussetzungen gehabt, ebenso lustig zu werden wie der heute. Na super.

Ich verbinde das Kabel mit der Steckdose und das Haus bleibt stehen, auch im Dorf bleibt alles ruhig, keine Buh-Rufe von den Kindern. Prima. Aber was macht mein Auto da? Irritiert gehe ich zu Simba. Es erklingen in gleichmäßigem Rhythmus komische Geräusche: klack ... klack ... stöhn ... stöhn ... klack ... klack ... stöhn ... dröhn ... Ich stehe etwas unschlüssig daneben und währenddessen wird aus dem stöhnen ein lautes tröten und eine Erkenntnis sickert in meinen Verstand: Das ist die Alarmanlage! Sie lässt sich durch Benutzung des codierten Schlüssels unterbrechen, sonst trötet sie weiter bis in alle Ewigkeit oder bis die Batterie leer ist (das kann dauern, so lange sie übers Ladegerät am Hausstrom angeklemmt ist!). Schi...!

Ich bin glücklicherweise ja noch warm vom Training und so flitze ich als erstes bis zum Stecker und unterbreche den Strom wieder. Dann hole ich den Schlüssel und natürlich reicht der Ladezustand der Batterie noch lange nicht aus, um mit dem codierten Schlüssel die Alarmanlage abzuschalten... Im Endeffekt sieht das Ganze dann so aus:

Stromkreis wieder herstellen, damit die Batterie soweit laden kann, dass der Bordcomputer überhaupt wieder Signale empfängt. Ich steige rot verschwitzt mit Laufklamotten hinter das Lenkrad. Wegen des Lärms sitz ich da mit zusammengekniffenen Augen und hochgezogenen Schultern und probiere im Sekundentakt, ob ich mit dem Autoschlüssel schon einen Impuls geben kann. Da das für mein Empfinden Höllenewigkeiten braucht, versuche ich immer wieder mal, ob ich die Zentralverriegelung mit dem kleinen Hebel neben dem Fensterheber aktivieren kann oder ob es hilft, die Zündung anzumachen. Sie ahnen es sicher schon: Das hilft alles nix. Ich muss wohl oder übel unglaublich lange 5 Minuten (gefühlte zwei Äonen) lang den Krach ertragen, bevor ich Simba einmal mit dem Schlüssel anpiepsen kann und die Alarmanlage verstummt.

Stille.
(Bis auf den Tinnitus und meine Ferienlaune, die zusammen ein Liedchen von ner heißen Dusche gut sicht-geschützt hinterm Rollo pfeifen...)

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