fliegen ist gefährlich


Ich fliege nicht gern. Fliegen ist gefährlich. Kein Mensch gehört von Natur aus in luftige Höhen von 24.ooo Fuß oder mehr. Das können sie mir doch sicher bestätigen?!

Montagmorgen. Fast pünktlich (5:40 Uhr) sitze ich in meinem Auto und stelle fest, dass Teetassen nicht für Cola-Dosen-Halter genormt sind. Na ja - das macht nichts. Teeflecken auf der Fußmatte - wer sieht die schon? Ich komme erstaunlich gut durch den Montag-Morgen-Verkehr und habe sogar Zeit, die anderen Frühaufsteher zu bemitleiden.

6:10 Uhr. Flughafen. Es gibt noch freie Parkplätze - unglaublich! Ich setze an, bin mit einem Zug drin und bemerke, dass neben mir eine Säule die Tür versperrt. Komisch. Laut Parkmarkierung stehe ich hier korrekt. Noch mal ausparken, einparken. Direkt vor mir ist eine Lieferantentür - das ist sicher auch nicht korrekt. Wieder ausparken, einparken, keine Tür keine Säule. Fein. Ich greife meine Hand- und die Aktentasche. Der Parkschein rutscht mir aus den Fingern, als ich die leere Teetasse tiefer in den Fußraum befördern will.

Warum ist es in Tiefgaragen grundsätzlich so dunkel, dass man einen Parkschein nicht finden kann und wieso gehört eine funktionierende Innenbeleuchtung nicht zu den TüV-Kriterien? Ich finde es nicht heraus. Wohl aber das Parkticket - es ist zwischen Mittelkonsole und Beifahrersitz gerutscht. Nach Verstellen der Rückenlehne, und Vorschieben des Sitzes (ich habe einen dicken Mantel an, denn es ist kalt draußen) kann ich sie mir angeln. Wegen aufgerissenen Fingerknöcheln kann man sich nicht fluguntauglich erklären lassen, oder?

Beim Gate 3 betrete ich das Flughafengebäude. Direkt bei der Deutschen BA. Das passt ja gut. Zielstrebig wende ich mich nach rechts. Bei Gate 9 werde ich stutzig. Aber es gibt ja eine Anzeigetafel mit allen Abflügen und Landungen. Die Maschine nach München geht von Flugsteig 1. Ich laufe also die ganze Strecke zurück. Flugsteig eins. Ich stelle mich beim Check-In an. Mein Blick streift die Stewardessen - sehr hübsch heute - gar nicht das Deutsche-BA-blau-rote-Blumenmuster. Komisch. Das Logo sieht so nach Lufthansa aus. Welch große Erkenntnis: es IST der Flugsteig der Lufthansa. Wieder raus aus der Schlange. Vorbei an all den Wartenden, die mich jetzt schon zum dritten mal herumirren sehen. Beim Gate 4 gibt es einen Info-Stand der Deutschen BA. Die Dame kennt sich aus und schickt mich zu Gate 6. Mit dem Hinweis "da steht nicht München, sondern Barcelona dran". Ach nee?! Da bin ich ja nun schon zweimal vorbeigekommen. Na ja, das macht ja nix. Ich habe ja noch ein bisschen Zeit bis zum Start der Maschine.

Meine Kollegin hatte mich gebeten, den Rückflug umzubuchen auf eine frühere Zeit. Die Check-In-Dame ist sehr nett - aber der Flug für 17:15 Uhr ist noch nicht "offen" (was immer das heißt) daher kann sie meinen Rückflug noch nicht umbuchen. Sie bietet mir an, die Boarding-Card zu behalten und später für mich den Flug umzubuchen. Eine innere Stimme sagt mir, dass sie das bei allem guten Willen leicht vergessen könnte und ich stehe dann ohne Boarding-Card um 17:15 in München ohne die Chance, nach Hause zu kommen. Ich lächele sie also höflich an und rede mich heraus - ich weiß doch nicht, was meine Kollegin macht und für mich allein braucht sie nicht umbuchen. Sie gibt mir mein Ticket und wünscht mir einen angenehmen Flug ... hatte ich schon erwähnt, dass ich nicht gerne fliege? Ich stecke mein Ticket in die Aktentasche und marschiere weiter.

Die Schlange an der Sicherheitskontrolle ist echt lang. Drei Studenten werden gerade gründlichst gefilzt, da der supermoderne Durchleuchter (gibt es dafür einen Fachausdruck?) Alarm geschlagen hat. Der ältere Herr vor mir seufzt herzergreifend. Mit einem mitleidigen Seitenblick zu den drei Typen da vorne. Zustimmung heischend dreht er sich zu mir um. Ich bin höflich und lächele mit hochgezogenen Augenbrauen zurück. Dann bin ich an der Reihe und komme ohne Piepsen durch die Kontrolle.

Ich - aber nicht meine Handtasche. Viermal schickt man sie durch die Röntgenstrahlen. Viermal Alarm. Na toll! Die junge Zollbeamtin fragt mich leicht angenervt, ob ich etwas dabei habe. Mir fällt meine Nagelfeile ein. Ich krame das gefährliche, 4 cm lange Mordinstrument heraus, aber sie ist noch nicht zufrieden. "Auspacken!" Ich fange an, meine Handtasche vor ihren Augen zu leeren. Nichts drin sage ich. Das glaubt sie mir natürlich nicht, greift beherzt zu und kippt alles aus. Macht ja nichts, dass jetzt Tampons, Lippenstift, Kosmetikspiegel und Schlüssel durch den Raum kullern. Ich bin gelinde gesagt etwas angepisst. Mit spitzen Fingern hält sie mein Schlüsselbund in der Hand. An meinen Schlüsseln (wie könnte es anders sein) hängt ein Taschenmesser.. In seiner Funktion als Schlüsselanhänger hatte es seine ursprüngliche Eigenschaft als Messer in meinen Augen verloren. Diese Meinung teilt die pflichtbewusste Beamtin natürlich nicht. So wurde ich innerhalb von zwei Sekunden zum Terroristen...

Sie nimmt Nagelfeile und Taschenmesser (Geschenk von Papa - danke noch mal) an sich und ich getraue mich zu fragen, was jetzt damit geschieht. Sie wird es "entsorgen" sagt sie mir angewidert. Ob sie mir diese Dinge nicht bis zu meiner Rückkehr heute Abend hinterlegen kann? NEIN! Sie könnte sie mir im Briefumschlag nach Hause schicken? NEIN! Und nun? Ich dürfte die beiden Sachen in meine Aktentasche stecken und diese als Gepäck aufgeben. Mehr Zugeständnisse kann sie nun wirklich nicht machen.

Das ist allemal besser als wegwerfen und so tappe ich gefolgt von den Blicken der Wartenden zum Check-In zurück. Glücklicherweise fällt mir ein, dass das Ticket noch in der Aktentasche steckt, bevor ich es der jungen Dame von vorhin überlasse, einen Gepäckaufkleber drauf zu pappen und sie in die unergründlichen Tiefen der Flughafenanlagen zu befördern. Zehn Minuten später dürfen wir an Bord. Schließlich sind dank der überführung meiner Person alle Terroranschläge jetzt unmöglich...

Ich bin etwas verspannt. Hatte ich erwähnt, dass ich nicht gerne fliege? Mit der festen überzeugung, dass allein meine Muskelanspannung einen Absturz verhindern wird (oder doch nicht?) bedaure ich, dass meine Reiselektüre zusammen mit der Aktentasche und dem Terroristenwerkzeug im Flugzeugbauch eingesperrt wurde. Ich schaue mich ein bisschen um - und siehe da - ein Geschenk des Himmels. In der Tasche des Sitzes vor mir steckt ein vergessenes Buch. Ich bin entzückt - egal was es ist - man kann es lesen. Ich komme noch nicht einmal dazu, den Titel zu entziffern, als mir der Herr neben mir das Buch wieder abnimmt - es ist seins. Was ich damit zu tun hätte!? Ich entschuldige mich, doch auch nach der dritten Entschuldigung ist er nicht zu beruhigen. Na ja - sind ja nur noch 45 min Flugzeit...

Ich habe überlebt. Wir sind nicht abgestürzt (dank meiner Muskelanspannung?). Der Mann mit dem Buch hat mich nicht per Ritualmord ins Jenseits befördert und niemand hat uns entführt. Fantastischer kann es nicht sein! Dachte ich...

Meine Kollegin will zum Geldautomaten und ich muss mal für kleine Mädchen - ich soll sie an der Information da vorne (was für ein vager Begriff!) in fünf Minuten treffen. Fein - ich finde noch nicht mal das Klo. Ich folge den Wegweisern komme nie an - zwei oder drei mal im Kreis um eine Cafeteria - warum gucken die alle so? Dann habe ich eine wirklich geniale Idee - ich folge einer eiligen Dame. Und? Volltreffer! Erleichterung...

Von wo war ich noch gleich gekommen? Ich muss doch die Information "da vorne" finden... glücklicherweise erkenne ich die Cafeteria und kann die richtige Richtung einschlagen. Zur gleichen Zeit, wie ein kleiner Knirps von etwa drei Jahren, will ich das Laufband betreten. Er traut sich nicht und ich würde ihm gerne helfen, denn seine Mama ist mit zig Koffern und Taschen bepackt. Doch er lässt sich von einer Terroristin nicht täuschen und geht letztendlich mitsamt Mama neben dem Laufband entlang. Als ich am anderen Ende ankomme steht der Knirps schon da. Wie hat er das gemacht?? Ich drehe mich um und verstehe - er hat einen Zwillingsbruder, welcher zusammen mit seiner Mama hundert Meter entfernt tippelt. Damit sie ihn nicht verliert spreche ich den an, der da vor mir läuft. Ich sage ihm, er soll warten, seine Mama kommt da hinten... in diesem Moment werde ich auch schon barsch von der Seite angesprochen - der Papa kommt angewetzt und "rettet" seinen Sohn vor mir. Na ja - was soll's... ich hatte ja dafür einen wirklich tollen Flug.

Die Information finde ich sofort (im dritten Anlauf). Sie ist ungefähr zwei mal zwei Meter groß - das ist doch sehr beachtlich für einen Flughafen von 20 ha oder mehr! Da entdecke ich auch schon meine Kollegin. Sie winkt mir zu und rennt in die andere Richtung davon - immer noch winkend. Wie jetzt? Was will sie mir sagen? Ich beschließe, dass hinterher rennen besser ist als, mutterseelenallein bis zum Rückflug hier bleiben zu müssen. Kluger Gedanke, denn sie steigt direkt hinter dem Ausgang in einen Bus. Ich folge ihr auf dem Fuß - sie kennt sich hier aus - ich nicht. Allerdings ist das ein Charterbus einer Reisegesellschaft, die uns kurzerhand wieder rausschmeißt. Sie ahnen sicher, wer die ärgerlichen Worte des Busfahrers erntet?

Der nächste Bus ist der richtige. Sie steigt ein und geht direkt bis zu einem Sitzplatz in der Mitte. Ich bleibe in der Tür stehen und will noch zu bedenken geben, dass wir keine Fahrkarten haben - aber das brauche ich gar nicht - auch dieser Busfahrer ist gern bereit mich über Recht und Ordnung aufzuklären. Nettigkeit ist aber scheinbar nicht seine Stärke.... seine schlechte Laune kann er aber ganz gut auf seinen Fahrstil übertragen. Da landet man schon mal mit dem Gesicht in der Rückenlehne des vorderen Sitzes. Trotzdem kommen wir lebend in unserer Agentur an.

Das Seminar ist recht langatmig *gähn*. Auch der Herr neben mir ist nicht so ganz ausgelastet. Umständlich angelt er einen Apfelsaft vom gegenüberliegenden Tisch. Betrachtet ihn einen Moment, um sich dann auch noch den Flaschenöffner mit artistischer Verrenkung an Land zu ziehen. Ich habe Mitleid und reiche ihm ein Glas, damit er sich nicht noch mal so ausrenken muss. Er schaut mich skeptisch an und fragt dann mit entrüsteter Stimme "Soll ich ihnen jetzt (etwa) was eingießen?!". Ich kläre das Missverständnis auf und beschließe, dass ich heute nicht mehr ungefragt zu fremden Menschen höflich sein werde...

Der Nachmittag wird erfreulicher. Dieser Seminarleiter ist wesentlich lockerer und mitreißender. Nebenbei buchen wir telefonisch unseren Flug um und bestellen ein Taxi für 15:30 Uhr. Kurz vor drei lässt mich meine Kollegin mit dem Seminarleiter allein, um noch etwas mit der Chefin der Agentur zu klären. Mit dem Seminar sind wir kurz vor der Zeit fertig, aber sie ist noch nicht zurück. Ich packe in Ruhe die Unterlagen zusammen - leider passt der neu erworbene Ordner nicht so ganz in meine Aktentasche - auf der noch überreste des Gepäckaufklebers haften. Ich bastele alles so zusammen, dass es wenigstens annähernd gut verstaut ist. Jetzt geht zwar die Tasche nicht mehr zu, aber dafür habe ich jetzt mein Buch für den Rückflug in die Handtasche umgelagert. Wenn nur meine Kollegin da wäre! Das Taxi hat schon zweimal gehupt... ich rufe bei der Agentur-Chefin an, doch da ist besetzt. Also klingele ich meine Kollegin auf dem Handy an und eine Minute später kommt sie. Kurze Verabschiedung, runterrennen, das Taxi ist natürlich weg. Todesmutig stelle ich mich in den Münchner Nachmittagsverkehr und kann tatsächlich ein anderes Taxi für uns interessieren. Fein!

Unsere S-Bahn geht in sechs Minuten. Ich frage den Taxifahrer, wie lange er brauchen wird. Ohne Rush-Hour ungefähr zehn Minuten. Das ist nicht wirklich ermutigend. Aber man soll ja nie aufgeben. Eine orientierungslose Kombifahrerin schleicht mit zwanzig km/h vor uns her, blinkt rechts und wendet spontan links herum. Aber unser Taxifahrer ist reaktionsschnell. Ich bin diesmal angeschnallt und lande daher nicht noch einmal mit dem Gesicht im Vordersitz. An der S-Bahnhaltestelle können wir noch die Rücklichter der Bahn bewundern. Jetzt haben wir zwanzig Minuten Zeit, bis die nächste kommt. Meine Kollegin stellt fest, dass das alles ganz schön knapp wird. Ach? Das war mir ja noch gar nicht aufgefallen!

Wir frieren zwanzig Minuten auf dem zugigen Bahnsteig und kommen ungefähr vierzig Minuten vor Abflug am Flughafen an. Genug Zeit, die Terroristen von den Touristen zu trennen. In München läuft die Abfertigung etwas anders. Es gibt einen gemeinsamen Check-In für jeweils zehn Gates und ebenso eine gemeinsame Sicherheitskontrolle für diese zehn verschiedenen Flüge. Das bedeutet nicht, dass man auch zehnmal soviel Personal dort beschäftigt. Deshalb verwundert es auch nicht, dass alles etwas länger dauert. Ich gebe diesmal gleich meine Aktentasche als Gepäckstück auf. Die junge Frau am Check-In hat sogar etwas Tape da, um die überfüllte Tasche zuzukleben. Leider fehlt ihr eine Schere, also beißt sie das Tape ab. Bzw. sie versucht es. Ich würde ihr ja gern mit meinem Taschenmesser aushelfen, doch das ist ja gerade so schön in der Aktentasche verstaut. Sie sabbert ein bisschen beim abbeißen - aber, mein Gott, so pingelig ist doch keiner!

An der Sicherheitskontrolle müssen wir lange warten - nicht wegen ertappter Attentäter, sondern mangels Personal... trotzdem muss sich niemand mit dem Metalldetektor begnügen, durch den man durchgeht! Nein, nein. Es geht doch nichts über die "zärtlichen" Berührungen einer Zollbeamtin! Sie trägt weiße Baumwollhandschuhe, die auf dem Velours meines Hosenanzuges einfach nur gänsehauterzeugend sind. Ihr jedoch scheint es zu gefallen. Sie knautscht mich komplett durch und piepst mich dann auch noch mit dieser übergroßen Lupe ab. Dreht mich um und beginnt das Spiel noch mal von vorn. Gibt es Homosexuelle Sicherheitskontrolleurinnen, die sich immer um diesen Job reißen? Sie hört überhaupt nicht mehr auf. Oder trage ich den Stempel "Terrorist"?
Endlich ist sie fertig. Ich mache genau einen Schritt, dann lande ich mit dem Gesicht auf dem Durchleuchter. Sie hat meinen Fuß weggezogen und piepst in ihrer, ihr eigenen Gründlichkeit die Sohle meines linken Schuhs ab. Meine Beule interessiert sie nicht wirklich, denn Plateau-Schuhe sind prädestiniert dafür, gefährliche Waffen zu schmuggeln. Nachdem sie auch noch den zweiten Schuh kontrolliert hat (ich durfte erstaunlicherweise den ersten Fuß wieder auf den Boden setzen) darf ich gehen. Hatte ich schon erwähnt, dass ich fliegen nicht mag?

Die Maschine ist bereits fertig zum Start und wir können sofort an Bord. Auf der Startbahn müssen wir einige Zeit warten. Ich sitze diesmal neben meiner Kollegin, die nett mit mir plaudert. Ich habe mein eigenes Buch und bekomme von der Stewardess noch einen Extra-Schluck Sekt. (Hat sie was gutzumachen?) Trotz Flugangst bin ich recht locker und genieße sogar den Ausblick auf Berlin bei Nacht, als wir landen. Wir verabschieden uns. Ich muss ja noch zur Gepäckausgabe. Das dauert und dauert. Nach geschlagenen zwanzig Minuten kann ich draußen den Gepäckwagen zum Flieger fahren sehen. Immerhin. Das Gepäck kommt aufs Band. Jede Menge Reisetaschen enormen Ausmaßes, kleinere Rollis und ein Werbekoffer von Sixt. Dann kommt nur noch ein Schild "Bagage End"... hatte ich schon erwähnt, dass ich fliegen nicht mag?

Neben mir steht eine nette Dame, die sich auch etwas unsicher umschaut. Ich verstoße gegen den Vorsatz, unaufgefordertes Helfen für heute einzustellen und frage sie, ob ihr auch noch Gepäck fehlt. Sie ist scheinbar froh, dass es ihr nicht allein so geht und nickt. Direkt am Ausgang sitzt ein Herr in Uniform. Ich gehe zu ihm und sage, dass unsere Taschen fehlen. Er meint, ich soll zurückgehen und der Frau von der Deutschen BA das sagen. Er könne mir da nicht helfen. Brav gehe ich wieder zurück. Doch da ist niemand. Die einzigen, die noch da sein könnten, sind die Stewardessen und Flugbegleiter.

Unter lautem Rufen gehe ich langsam die Gangway wieder hinunter. Die Stewardess taucht aus dem Flugzeug aus und mit ihr der Kapitän und zwei Flugbegleiter - die sich rechts und links hinter mir postieren.
"Wie kommen sie hier her?"
"über die Gangway"
"Was haben sie dabei?"
"Ich habe meine Tasche eben nicht dabei"
"Wie jetzt?"
"Der Mann da vorn hat mich zurückgeschickt, weil mein Gepäck fehlt."

An diesem Punkt entspannen sich die beiden Männer hinter mir. Die andere Dame, deren Gepäck auch fehlt, kommt gerade die Gangway hinunter und ich darf jetzt berichten, wer mich hierher geschickt hat und welche Tasche fehlt und und und. Als ich alles erzählt habe geht der Kapitän höchstpersönlich zum Bodenpersonal und schaut mit denen zusammen in den Kofferraum (heißt das beim Flugzeug so?). Er kommt leider ohne unsere Taschen wieder. Aber ich weiß seine Freundlichkeit zu schätzen. Wenigstens muss meine arme Tasche nicht in der Dunkelheit des Flugzeugbauchs verdorren.

Nach einigen Debatten, dass ausgecheckte Passagiere ein Sicherheitsrisiko sind und dass der Mann uns nicht hätte wieder zurückschicken dürfen, bekommen wir die Information, dass wir uns beim Lost-And-Found melden müssen.

Es ist ein ziemlich weiter Weg dorthin und das Büro ist auch recht gut versteckt in einer kleinen Gasse des Flughafengebäudes. Dort sitzt bereits ein älteres Ehepaar, meine Begleiterin wird an dem zweiten Schalter bedient. Dann bin ich an der Reihe und muss nach einer Reihe anderer Fragen meine Tasche beschreiben. Nein, es ist kein Markenprodukt und hat also kein Logo. Ja, sie ist genauso schwarz, wie alle anderen Aktentaschen auf dieser Welt. Nein, sie ist nicht richtig zu gewesen. Warum stimmen mich seine Fragen so hoffnungslos? Ich werde meine Tasche zugesandt bekommen. Ach ja? Und wenn nicht? "Wenn nicht" gibt's nicht, meint er knapp.

Ich trotte den ganzen Weg zum Ausgang bei Gate 3 und will in der Tiefgarage meinen Parkschein entwerten. Ich kann ihn nicht finden. Da läuft es mir heiß und kalt den Rücken runter. Ich hatte doch heute morgen das Ticket in die Aktentasche getan - war da der Parkschein dabei? Mir ist plötzlich recht warm... das wäre nun wirklich der krönende Abschluss für diesen Tag - jemanden anbetteln, mein Auto auszulösen. Aber bevor ich das tue, knie' ich mich lieber vor dem Automaten auf den Asphalt und kippe meine Handtasche aus. Das hatten wir ja schon mal heute - trotzdem ist kein Parkschein zu finden. Ich schaue bedeppert in die leere Handtasche - da blitzt etwas Weißes. Ich danke dem Allmächtigen, stopfe alle Sachen zurück und stecke das Ticket in den Kassenautomaten. 17 € kostet der Spaß. In meinem Portemonnaie sind nach diversen Bus-, Bahn- und Taxifahrten noch genau 6 € und 67 Cent - dafür werde ich mein Auto wohl nicht bekommen.

Es muss doch irgendwie gehen mit der Karte zu bezahlen?! Sicher an einem anderen Automaten. Ich finde den Abbruchknopf und schaue mich um. Aber halt - da steht doch was von Kartenzahlung. Man muss die Karte in den gleichen Schlitz stecken, wie das Parkticket. Ich hoffe, dass sich der Erfinder dieser Automaten mit dem Verfasser der Hilfetexte abgestimmt hat, sonst stehe ich ohne Karte und ohne Auto da. Es klappt tatsächlich und ich denke sogar daran, den Quittungsknopf zu drücken. Alles wird gut. bestimmt!

Am Auto angekommen will ich nach dem Autoschlüssel greifen, doch der ist gar nicht in der Tasche - die hatte ich doch gerade ausgekippt. Sch... Noch mal Handtasche durchwühlen - nix. Ich klopfe meine Jacke ab, meine Hose, den Mantel - ah da ist er. Ich setze mich ins Auto, nehme den entwerteten Parkschein und Moment!!! Wo ist die Quittung? Ich habe sie im Automaten vergessen. Ich haste zurück und kann gerade noch sehen, wie sie mit einem leisen "sssstt" in den Automaten gesogen wird.

Hilflos schaue ich alle Knöpfe an dem Apparat an - es gibt keinen "Gebt-Mir-Meine-Quittung-Wieder-Knopf". "sssstt" da taucht sie wieder auf. Zwei Zehntel Sekunden sind nicht wirklich lang. "sssstt" Sie ist wieder weg. "sssstt" "sssstt" ich stehe da, wie ein Tiger auf Beutezug. Beim vierten Mal bin ich schneller als der Kassenautomat. Auf dem Weg zum Auto fällt mir die Schachtel Zigaretten runter. Ich bücke mich und das Handy kippt mit eleganter Rechtsdrehung auf die Erde. Doch endlich schaffe ich es, irgendwie mit allen meinen Sachen ins Auto zu kommen.

Warum gibt es hier keine Schilder mit dem Schriftzug "Ausfahrt"?? Ich bin bestimmt schon zweimal unter dem gesamten Flughafen durchgefahren. Weiter innen sehe ich eine Schranke mit einem Automaten. Ich kreuze zwei leere Parklücken, um dorthin zu kommen und bin überaus glücklich, dass ich nicht nachlösen muss, weil ich schon vor zehn Minuten mein Ticket bezahlt hatte. Ich fahre aus der Tiefgarage und lande im Innenring des Flughafens. Dort sind lauter Wegweiser zu weiteren Parkplätzen - da will ich doch aber nicht hin!

Ich schaffe es bestimmt ins Guinnesbuch der Rekorde für "meistgefahrene Kilometer auf dem Flughafengelände". Aber als schlaues Mädchen (daran glaube ich nach diesem Tag übrigens nicht mehr) fällt mir ein, dass Taxen für gewöhnlich hier nicht parken fahren. Ich klemme mich also hinter ein Taxi und folge ihm über zwei Sperrstreifen hinweg - und siehe da: ich bin raus - ich bin frei!!! Jetzt ist der Heimweg ein Leichtes.

Als ich zwei Stunden und eine Polizeikontrolle später in mein Bett falle, beschließe ich, nur noch mit Agenturen zu arbeiten, die zu uns kommen und die ich nicht besuchen muss!

PS: Die Aktentasche habe ich zwei Tage später wiederbekommen - sie war zwischenzeitlich in Lion. Ich schätze mal, dass sie fliegen nicht mag ;o)