fliegen im wandel der zeiten

oder "katastrophen-recens on tour again"
28.12.2005: ich habe in den letzten vier jahren enorme flugerfahrung gesammelt. habe turbulenzen überstanden, missglückte landungen lächelnd überlebt, mich mit stewardessen und sitznachbarn vertragen, nette gespräche geführt, sandwiches gegessen, bonbons gelutscht, verwirrte kapitäne erfolgreich ignoriert, gepäck gesucht und gefunden und hielt mich für "mit allen wassern gewaschen" was das fliegen betrifft. ich habe mich geirrt.

das ist doch alles ganz einfach. ich hab den flug geschenkt bekommen und die buchungsnummer ist nicht nur in meinem handy gespeichert, sondern auch noch auf einem zettel in meiner handtasche und auf zwei weiteren zetteln bei meinen kindern in den jackentaschen. ich bin gedanklich komplett ausgerüstet und als ich letzte woche bei der fluggesellschaft anrief haben die meine flugdaten nach einem kleinen bisschen hin- und her auch bestätigt.

ausgerüstet mit etwas verpflegung für unterwegs im kleinen rucksack (resp. großer handtasche) und jeder einer reisetasche, machen wir uns superpünktlich um 4:20 am morgen auf den weg. eis und schnee behindern die fahrt zum flughafen, aber wir sind trotzdem noch in der zeit. der flieger geht heute von einem anderen gate - ferienzeit! da haben die größere maschinen im einsatz und keinen außenstandplatz. alles klar. wir haben die taschen zwei-einhalb kilometer vom kostenfreien parkplatz übers glatteis geschleppt und am schalter kommen wir recht k.o. an. warum guckt der mann so lange auf den bildschirm?

nach ein paar komischen seitenfragen zu seiner kollegin mische ich mich ein: "was ist denn los?"
er: "woher haben sie die tickets?"
ich: "von airberlin?"
er: "sind das Etix?"
ich: "ich nehme mal an, dass sie normal sind?" (Etix sagt mir gar nichts - das kann es wohl kaum sein)
er kommentiert mehr in richtung seiner kollegin als zu uns: "ich kann hierfür aber keine boardingcards ausstellen."
ich: "brauchen sie vielleicht die buchungsnummer?"
er: "eine buchungsbestätigung wäre toll."
ich gebe ihm die nummer
er ist enttäuscht: "die hab ich schon! haben sie denn keine buchungsbestätigung?"
ich: "also ich hab diese buchungs-nummer hier. eine e-mail hab ich auch, aber nicht ausgedruckt."

er wendet sich wieder an seine kollegin und ich verstehe kein wort. sind wir so aussätzig, dass die flüstern müssen? irgendwie hab ich auch das gefühl, dass er sie sachen fragt, die sie gar nicht wissen kann, die er vielleicht lieber uns fragen müsste, aber auf zwischenfragen von mir reagiert er nicht. nach dem dritten versuch lasse ich das. da er uns im pc gefunden hat und wir jetzt eingecheckt sind: was kann schon passieren?

ende vom lied: er gibt uns tickets in die hand, auf die er handschriftlich vermerkt hat "E-Ticks, Buchungsnummer 7472435". so ein schwachmat. wenn er mal erklärt hätte, was sein seltsam ausgesprochenes Etix bedeutet, hätt ich vielleicht realisiert, dass er nicht wusste, ob wir elektronische oder ausgedruckte tickets haben. ich grins mir eins. er hatte ja den meisten stress, nicht wir.

wegen der großwetterlage in und um berlin sind die tragflächen des flugzeugs vereist. so müssen wir vor abflug noch an eine weit entfernte außenposition, unser flugzeug verkehrssicher machen lassen. unser bank-hinter-nachbar erklärt für alle gut hörbar, was passieren kann, wenn die tragflächen vereist bleiben. ich könnt ihn erschlagen. hab den kids eben erklärt, dass das alles ganz normal ist und mir eine ausführliche schilderung verschiedener katastrophen-szenarien verkniffen. idiot! ich drehe mich um und sehe in ein selten tumbes gesicht. na gut. der kann nix dafür. er hat die letzte große bild-zeitungs-panik-mache auswendig gelernt.

wir sind fast pünktlich in zürich und ich lotse die hummelnden kids durch hunderte menschen (drängel) bis zum klo (hetz), dann weiter zum u-bahn-shuttle (schubsvonallenseiten), durch die passkontrolle (lächel), und noch weiter zur gepäckausgabe (wart). wir warten schon zwanzig minuten und ich werde allmählich nervös. dann kommt eine recht undefizile durchsage, dass unser gepäck wegen schwierigkeiten auf einem anderen gepäckband ankommen wird. die zeit wird knapp. ich habe nur noch zwanzig minuten, um auf den bahnhof zu kommen, drei tickets zu kaufen und den zug zu erreichen. schwitz! das neue gepäckausgabeband ist nur zehn meter entfernt und setzt sich sogleich in bewegung. unsere taschen sind vier minuten später auch schon da und wir rennen zum ausgang. am zoll mahne ich uns zur ruhe. man will ja nicht auffallen. gezwungen lächlend und betont langsam gehen wir an den beamten vorbei in die freiheit.

sofort rennen wir wieder los, mit dem gepäckwagen die rolltreppe runter und ab an den fahrkartenschalter. die kinder-karten bekomme ich nicht am automaten. leider. denn dort ist es leer und ginge bestimmt schneller. vor uns sind zwei deutsche mädels an der reihe und die haben keinerlei plan von nix. konnten die sich nicht vor ihrer reise hierher ein wenig informieren? sie stellen hundert fragen und dann geht die karte nicht und die eine will nicht für die andere mitbezahlen und die kartenverkäuferin muss wieder was ausbuchen und neu ausstellen. bewundernswert, wie ruhig und freundlich sie dabei bleibt. ich für meinen teil schwitz mich gerade um den verstand und natürlich geht es am nachbarschalter schneller. murphys gesetzen folgend sieht es aber immer dann, wenn man die schlange wechseln könnte so aus, als wären die vor uns gleich fertig und wenn man gerade daran ist, den letzten nerv zu verlieren könnte man eh nicht rüberwechseln.

endlich endlich sind wir dran. ich sage ihr, welche drei tickets ich kaufen will und sie lächelt: "Oh da sind sie bei mir falsch. das müssen sie im reise-center kaufen. wollen sie den 8:13 uhr zug noch erwischen? das wird aber knapp!" danke, für die aufmunterung. ich fliege mit kindern und lagguage (16kg, 8kg, 4kg plus handgepäck 3kg, 1kg, 2kg und drei jacken) in das reisecenter. gerade wird ein schalter frei und wir sind sofort dran. ich erkläre, was ich will und sie fragt mich dasselbe: "wollen sie den 8:13 zug noch bekommen?" ich nicke und schiebe ihr meine mastercard über den tisch und sie kommentiert: "das wird knapp! sehen sie dort? da ist gleis drei" ich sehe es und sie gibt ihr bestes. ich darf schon die geheimzahl eingeben, während sie noch unsere daten aus reisepass und kinderausweis abtippt. dann schiebt sie mir die drei tickets und meine karte über den tresen und wünscht uns viel glück...

haben wir auch. eine minute vor abfahrt sitzen wir in einem geräumigen abteil und machen es uns bequem. urlaub wir kommen! die kids packen ein kartenspiel aus und etwas zu essen und etwas zu trinken und wir hängen die jacken auf und verräumen das gepäck und schauen auf die vorbeifliegende landschaft zwischen klothen und zürich hauptbahnhof. nach einer weile kommt ein schaffner und ich krame stolz meine soeben erworbenen fahrkarten aus der tasche. er stempelt meine ab und mustert die der kinder, dann geht er zum nächsten abteil. ich schaue auf die kinderkarten und sehe, dass dort was von "unterschrift" steht und mein name ist auch darunter abgedruckt. ich überlege gerade, ob die karten auch ohne meine unterschrift gültig sind, da werde ich aus meinen gedanken gerissen. der schaffner kommt nochmal einen schritt zu uns zurück und fragt mich mit blick auf unser wohnlich eingerichtetes abteil, ob mir bewusst ist, dass ich in drei minuten in den zug nach chur umsteigen muss?

ich schaue ihn an, als käme er von einem anderen stern, bedanke mich und greife nach meinem reise-spick-zettel. tatsache. der mann hat recht. in dem eben absolvierten stress hab ich völlig verpeilt, dass wir hier nur in dem zug nach zürich hauptbahnhof sitzen. oh fuck! in windeseile packen wir alles wieder in die taschen, ziehen die jacken schnell über, schwingen die großen und kleinen taschen über unsere schultern und sind gerade an der tür, als der zug in den bahnhof einfährt. puh! das war knapp! mein spickzettel bringt uns zum richtigen gleis und dem anschlusszug nach chur. der ist leider nicht so leer wie der vorherige, denn skiurlaub wollen scheinbar viele leute im kanton graubünden machen. wir finden für unsere drei schmalen hintern einen quetsch-sitz-platz auf einem zweiersitz im gang. wid schon gehen. besser als ein stehplatz. da packt man ja auch nicht so viel aus den taschen aus...

irgendwo am ende des wagons taucht ein schaffner auf. ich krame vorsorglich die fahrkarten aus der tasche und habe nochmal zeit, einen blick darauf zu werfen. da war doch noch was mit der unterschrift. so langsam sehe ich durch. zweimal steht mein name auf jeder karte. ich bin alleinerziehend und stehe daher als zwei erziehungsberechtigte darin. das wort unterschrift deutet an, dass ich das ticket unterzeichnen muss, aber um nichts falsch zu machen, frage ich den schaffner, als er bei uns ankommt. er schaut mich an und meint, dass es unwichtig sei. dass ich das ticket habe, sei entscheidend. na gut. dann lass ich es so. ohne meinen krakel sehen die bunten teile viel schöner aus.

als der zugimbisswagen zum ersten mal vorbeikommt, wird uns klar, warum das ein zweiersitz ist: von drei paar füßen ist mindestens eines im weg und dieser platz ist auch grundsätzlich nur für leute mit schuhgröße 36 ausgelegt. (ich werde nochmal ein ernstes wort mit transportation bombardier reden müssen) da fallen wir nicht drunter. alle drei nicht. aber mit ein wenig improvisation lösen wir das problem. der wagen wird ja nicht alle drei minuten hier langkommen. stimmt. er kommt nur alle fünfzehn minuten vorbei. das macht bei zwei stunden fahrt stattliche acht male "füße im weg". echt entspannend so eine zugfahrt. unser gepäck ist zum glück nicht im weg.

aber das weiß der gefrustete mann nicht. die snowboards, die da neben uns auf dem boden liegen sagen ihm ja nicht, dass sie uns nicht gehören. er knurrt und grummelt die ersten zwei male in unsere richtung. bei den nächsten malen fährt er einfach weiter und die snowboards rutschen quer in den gang. zweimal haben wir mitleid und bauen sie wieder an den rand. beim dritten mal ist meine hilfsbereitschaft für sportgeräte aber erschöpft und ich lass sie liegen. das war gar nicht so doof, denn nun wird dem man klar, dass uns die dinger nicht gehören und er macht das nächstgelgene abteil rund. brav findet sich auch jemand, der alles verräumt. schön. jetzt haben wir außer "füße beiseite nehmen" nicht mehr viel stress.

in chur steigen wir um in den schnellsten zug der welt. der bringt einen innerhalb von dreißig minuten hinter den mond, hab ich mir sagen lassen. und wirklich: die landschaft wird immer verlassener und schöner da draußen. das land gefällt mir immer mehr. die berge sind so schroff und die wälder sehen dazwischen fast weich aus. die häuser kuscheln sich naturgegeben in die landschaft, um wenig angriffsfläche für wind, wasser, lawinen oder sonstige zu geben. der zug ist ein kleiner regionalzug und die schaffnerin trägt auch eine andere uniform. streng schaut sie vom ticket auf die kinder, wieder auf das ticket und dann auf mich. reicht mir die fahrkarten zurück und ermahnt mich, unbedingt die unterschrift zu leisten - die karten der kinder seien sonst nicht gültig. kein kommentar von mir an dieser stelle. wir sind ja auch gleich da und dann ist urlaub!

der genialste urlaub überhaupt und schlechthin. ich habe noch nie so viel schnee auf einem haufen erlebt, geschweigedenn darin herumgetollt ... hach! herrlich war das. im kragen schnee, in den schuhen schnee und im handschuh sowieso, aber ich hab nur freude daran gehabt. in der skischule haben wir uns ordentlich auf die nasen gepackt und bei 22 grad unter null trotz LSF 22 einen eins-a-sonnenbrand bekommen. wir haben uns blaue flecke und stolze erfolge er-ski-t und sind vor dem auftreffen des kopfes auf dem kissen eingeschlafen, erschöpft von der frischen luft und dem ganzen tag sport. ich hab rausgefunden, dass die schweizer silvester ganz klein feiern und erst am 01. august, ihrem nationalfeiertag richtig aufdrehen. die paar silvesterraketen, die wir gesehen haben, waren wohl von deutschen touristen.

irgendwann ist auch der schönste urlaub vorbei und es geht heimwärts. müde quälen wir uns um halb fünf aus den federn und kommen nach katzenwäsche, bahnfahrt und kurzbesuch in der flughafen-migro zum check-in. horror! da stehen mindestens dreihundert leute an den vier schaltern. ist das zu glauben? als kleine finesse am rande kann man mit dem gepäckwagen nicht anstehen - den muss man vorher abgeben, weil man sonst nicht durch die gitter passt. also ist man etwas ortsgebunden, will man die schweren taschen nicht andauernd aufheben und abstellen.

wieder ist es, wie murphy niederschrieb: die schnellste schlange ist die, in der man nicht steht. da wir dank unserer hin-tour-erfahrung aber wirklich gut geschult sind, wechseln wir bei der nächsten gelegenheit die schlange, obwohl es da gerade nicht so aussieht, als wäre das vorteilhaft. ist es auch nicht. wahrscheinlich ändert sich bei schlangen-wechsel die auswirkungsrichtung von murphys gesetzen in der weise, dass die neue schlange die eigenschaften der vorhergehenden annimmt. das heißt in der schlusskonsequenz: egal wo du dich anstellst, es wird am längsten dauern.

es fliegen zur fast gleichen zeit vier maschinen von airberlin in zürich ab: nach düsseldorf, hannover, nürnberg und berlin. die düsseldorfer maschine geht zehn minuten vor den anderen, daher werden deren passagiere nach vorn gebeten, als die zeit knapp wird. das beruhigt mich. sie werden also die berliner passagiere auch aufrufen oder zumindest haben sie im blick, dass hier leute anstehen, die es eilig haben. obwohl wir nicht die letzten waren, die sich angestellt haben, stehen wir doch zu guterletzt als vorletzte passagiere an einem der vier schalter und kommen dort dran, wo wir zu anfang standen und dann gewechselt hatten. (was das für die auslegung von murphys gesetzen bedeutet, erläutere ich lieber mal in einer gesonderten drei- bis vierseitigen abhandlung)

es ergibt sich folgender dialog:
er: "grüetzi"
ich: "guten tag."
er: "wohin gehts?"
ich: "nach berlin tegel."
er: "auf die acht-uhr-maschine?"
ich: "ja." (welche maschine nach berlin soll ich wohl sonst nehmen wollen?)
er: "das wird aber knapp."
*hrmpf* ach nee? wie hat er das rausgefunden? ich stehe seit geschlagenen 50 minuten an den check-in-schaltern!!! ich lächle tapfer und sage so sanft ich kann: "ich habe hier eine stunde angestanden!"
er: "die maschine ist schon zu. moment." er schaut in seinen computer und hämmert auf der tastatur zeichenkolonnen ins netzwerk, bevor er wieder fragt: "die acht-uhr-maschine? ich habe aber keine buchung für sie."
ich beginne zu schwitzen - nicht nur wegen der schweren taschen und der zeitnot. nein. ich schwitze jetzt auch, weil ich (wie immer) zuerst an mir selbst zweifle und gedanklich versuche, sauber zu checken, ob wir auf der mittagsmaschine gebucht sein könnten. aber fehlanzeige. ich bin sicher, dass wir auf der acht-uhr-maschine gebucht sind. fünf sekunden brauche ich für den check up, dann antworte ich ihm fest: "vielleicht schauen sie unter dem falschen namen?" schließlich und endlich ist mein doppelname prädestiniert dafür, etwas falsch zu schreiben oder den bindestrich mit oder ohne leerzeichen...?
er hämmert nur weiter fahrig auf den tasten herum und betont immer wieder, wir seien auf der maschine nicht gebucht.
das wird mir jetzt zu blöd und auch zu langwierig. ich frage etwas lauter als geplant: "und nun?
in scheinbar unkontrollierter hektik schiebt er mir drei himmelblaue tickets über seinen tresen und sagt dazu nur: "ihr gepäck müssen sie selber nehmen. das kann ich nciht einchecken. sie müssen auf E47! ohne garantie oder gewähr! rennen sie! am sicherheits-check und der passkontrolle gehen sie nach vorne und sagen ihr flieger geht! aber das schaffen sie wohl nicht mehr..."

für emotionen ist jetzt keine zeit, aber dass er sich seinen letzten satz hätte sparen können begreife ich sogar in meinem ausnahmezustand. ich schnappe die himmelblauen dinger, reisepass und kinderausweise. wir wuchten uns die schweren taschen auf die schultern und ich weise die kinder an, so schnell es geht zu laufen: "mir nach, wenn ihr nicht auf dem airport übernachten wollt!"

was bleibt ihnen anderes übrig? der große hat das gespräch am schalter verfolgt und die dringlichkeit der anweisung erkannt. die kleine watschelt in rechter gelassenheit hinter mir her, als gäbe es nur sonnenschein. ich drehe mich immer wieder zu ihr um und rufe sie zur eile, was mich mit der 16- und der 3-kg-tasche auf der schulter wirklich mühe kostet. an der passkontrolle schiebe ich eine junge frau aus der tür   (junge frau, falls sie das hier lesen: es tut mir ehrlich leid.)  , schiebe die ausweise durch den schlitz, postiere mich vor der beamtin und erkläre atemlos: "unser flieger geht gleich."
sie streng: "welches gate?"
ich außer puste: "E47"
sie schiebt unsere ausweise durch den schlitz zurück: "das wird wohl nichts werden." und wendet sich unserer nachfolgerin zu.

boah danke! warum seid ihr allesamt solche echten motivationskiller? ungeachtet dessen schleife ich die kids weiter. an der sicherheitskontrolle lässt man uns nicht vor, obwohl ich der beamtin sage, dass unser flieger gleich geht. sie hält die ordnung ein. ohne widerrede. vor uns werden sechs oder sieben passagiere auf verschiedene röntgenapparate verteilt. dann sind wir drei dran. die kids sind durch, die drei großen taschen auch, doch ich muss jacke (schwitz und wurschtel), strickjacke (hetz und zerr) und gürtel (zieh und zottel) ablegen, bevor ich durchgehen darf. auch er fragt mich während der prozedur nach den eckdaten: "wann?"
ich schnaufend: "8:00 Uhr"
er: "gate?"
ich: "E47"
er kopfschüttelnd: "oh je!"

danke! hat er doch als erster nicht gesagt, wir schaffen es nicht mehr! im u-bahn-shuttle nehme ich meine tochter ganz ernst zu mir heran und erkläre ihr mit knappen worten, wie wichtig es ist, dass sie rennt so schnell sie kann. sie versteht. unser endspurt von der u-bahn zum gate ist bühnenreif. im grunde kann ich nicht mehr rennen mit dieser last auf der schulter und ich kann auch gar nicht mehr die kinder motivieren, aber das ganze adrenalin, welches sich inzwischen in meinem körper befindet, sorgt dafür, dass ich noch viel mehr kann.

wir sind auf sichtweite an E47 herangekommen, da schalten meine synapsen einen gang höher und statt real-time nehme ich alles in zeitlupe war, so dass ich alle reaktionen in aller ruhe durchdenken kann, bevor ich handle. das ist eine wirklich geniale sache, die manche menschen in lebensbedrohlichen situationen erleben. sie begeben sich quasi außerhalb von zeit und raum (oder zumindest der wahrnehmung selbiger) und agieren von dort. mich hat das alles scheinbar so sehr mitgenommen, dass ich auch ohne lebensbedrohung in den genuss dieses erlebens komme.

meine beine tragen mich samt schwerstgepäck in zeitlupe auf E47 zu, als ich sehe, wie sich dort eine sicherheitsbeamtin mit neongelber weste einzelbild-forward zum gehen umdreht. ich rufe ihr so laut ich kann zu: "warten sie. da sind wir!" meine stimme ist dabei einige oktaven zu tief - wie von einem zu langsam abgespielten tonband wirkt die modulation meiner eigenen stimme auf mich. sie stoppt in der bewegung und so langsam, wie sich für mich alles abspielt, müsste sie jetzt umfallen, da sie ihr gleichgewicht unmöglich halten könnte. das gilt auch für mich. meine bewegungen spielen sich durch die rennbewegung teilweise komplett ohne bodenkontakt ab. jetzt ist sie ganz zu uns umgedreht und ruft uns entgegen: "das war aber in letzter minute!"
ihr antworten löst irgendwas in mir aus. ihre stimme klingt nicht ganz so stark verzerrt wie meine eben und meine wahrnehmung rutscht ganz langsam zurück in den normalmodus. als ich rufe: "sie müssen uns mitnehmen!" ist meine tonlage fast wieder angepasst und ein check meiner füße ergibt: ich bewege mich im affenzahn mit schwer schaukelndem gepäck direkt auf ein hindernis zu. mein hirn meldet: bremsvorgang einleiten!
sie antwortet: "ja ja. wir nehmen sie mit!"
ich komme zum stehen und frage entgeistert, um das letzte stück film zu rekapitulieren: "sie nehmen uns mit?"
sie ist bewundernswert! ganz ruhig wiederholt sie "ja klar. wir nehmen sie mit."

mir schießen die tränen in die augen. vor erleichterung? weil ich wieder zurück bin im echt-zeit-leben? weil wir keine kapriolen drehen müssen, um einen anderen flugzu bekommen? weil jetzt alles gut wird? sie sieht es und meint ganz nett und locker: "cool down. jetzt ist alles okay!"

am schalter sitzt ein junger mann, der unsere daten von den ausweisen in den computer abtippt. er druckt für unsere drei taschen gepäck-klebestreifen aus, was mir nicht ganz begreiflich ist, weil wir die taschen doch mitnehmen sollen. aber das ist wohl aus sicherheitsgründen so. sie telefoniert inzwischen mit der crew der maschine und sagt bescheid, dass wir da sind. dann wuchten wir ein letztes mal unsere taschen auf die schultern, ich stecke ein letztes mal unsere ausweise weg und dann laufen wir die gangway hinunter. es ist 8:20 Uhr.

kurz vor der einstiegsluke nimmt uns die coole frau mit der neongelben weste überraschenderweise die drei taschen ab und bringt sie zum flugzeugbauch. wir haben gerade beide füße im flieger, da schlägt die stewardess die luke zu, schiebt uns in eine nahegelegene sitzreihe und im lautsprecher ertönt "boarding completed!" von den grimmigen gesichtern der mitreisenden will ich mal gar nicht reden und von meinem puls auch nicht. schließlich geht der flieger wegen uns insgesamt 25 minuten zu spät in die lüfte.

wir sitzen, schnallen uns an und ich schließe schwerausatmend für ein paar minuten die augen. langsam werde ich ruhiger. wir haben es geschafft. wir fliegen nach hause. was für ein spektakel! unglaublich. wenn in unseren reisetaschen nun irgendwelche scheren, messer oder anderes gewesen wären? hätten die uns trotzdem durch die sicherheitskontrolle gelassen? ob der typ am schalter ungeduldig darauf wartet, dass wir reumütig zu ihm zurückkommen und darum bitten, einen anderen flug nach berlin tegel zu bekommen? zu gerne würd ich all den pessimisten da unten sagen, dass es doch geht! 7 km in 15 minuten hauptsächlich zu fuß, mit kindern und gepäck. am längsten hat es gedauert, dass der junge mann unsere daten in den pc hackt - echte zehn minuten!

ich schaue zum ersten mal auf die tickets in meiner hand. sie sind ausgestellt auf "last minute passanger" comment: "no garantie for seat or meal" hübscher name! wenn ich mich morgen auf dem standesamt auf "frau last minute passanger" umschreiben lassen wollte? ich muss grinsen. die würden mich rausschmeißen, aber wenn ich erzähle, was uns heute passiert ist, würde man mir wohl nur ein valium spendieren und von meiner verhaftung absehen. da bin ich sicher.

der flug verläuft ohne komplikationen. die stewardessen und die passagiere der nähergelegenen sitzreihen gucken kurz vor der landung auch nicht mehr ganz so böse auf uns. die kramerei mit taschen und jacken, die kurz vor der landung immer ausbricht, lenkt die leute von uns ab. danke lieber gott! ich nehme die kinder und das kleine gepäck an die hand und denke mir, es gibt zwei varianten. unser gepäck ist entweder das erste auf dem band oder das letzte, da es lose da unten im gepäckraum lag. na mal sehen. eilig hab ich es heute ganz gewiss nicht mehr. alles kommt, wie es kommen soll und vor dem gepäckband die passkontrolle.

ich greife in die handtasche, um reisepass und kinderausweise schon parat zu haben, wenn wir an der reihe sind. doch ich greife ins leere. suchend schaue ich in die tiefen der tasche und da fällt es mir siedend heiß ein. ich sehe ich meinen letzten handgriff auf E47 klar und deutlich vor mir: ich stecke die papiere in die große schwere reisetasche. gleich vorne links in das extrafach. ja genau! diese tasche, die man uns überraschenderweise doch noch abnahm, um sie in den flugzeugbauch zu bringen. SCHREIIIIII warum ich? warum heute? innerlich breche ich zusammen.

äußerlich stehe ich blass und übermüdet vor einem polizeibeamten, der sicher schon bessere ausreden gehört hat, als meine. meine allgemeine verfassung muss aber haarsträubend aussehen. oder mitleiderregend. er hört sich alles geduldig an, ohne mich zu unterbrechen und weil er der erste mensch ist, der meine geschichte anhören muss, lasse ich alles raus, was sich da angestaut hat. aller stress, alle horrorszenanrien, alle ängste. der mann bekommt die volle ladung. würde er versuchen, was dazwischenzusagen, er würde scheitern. ich bin nicht zu bremsen, bevor ich den letzten satz gesprochen habe.

er sieht mich an. schaut auf die kinder. dann wirft er einen blick auf meinen personalausweis und die krankenversicherungskarten der kinder, die ich in meiner not herausgekramt habe. er holt tief luft, dann lächelt er und meint ganz ruhig: "da haben sie aber echt was hinter sich. das gibts ja alles gar nicht auf einen haufen. kommen sie rein, fahren sie nach hause und ruhen sie sich aus." ich könnte ihn auf der stelle umarmen und ihm lauter wirres zeug versprechen, so froh und dankbar bin ich.

unsergepäck ist natrlich das letzte auf dem band. sieht bestimmt putzig aus. alles anderen passagiere sind schon weg. der zweite polizist hat seinen glaskasten schon geräumt und abgeschlossen. eine reinigungskraft schlurft mit ihrem putz-wagen durch die kleine halle. drei verlassene menschlein sitzen mit aufgestützen köpfen auf einem kleinen gepäckwagen und schauen gebannt auf das leere, still stehende gepäckförderband. sie zucken zusammen, als sich das band knirschend in bewegung setzt und nacheinander drei taschen hereingepurzelt kommen.

wir springen auf und schnappen eilig unsere taschen, obwohl es keine eile mehr gibt... ich bin eine ehrliche haut und ziehe noch meinen reisepass und die kinderausweise aus der seitentasche, klopfe an den glaskasten des polizisten und zeige ihm unsere papiere. er lacht und das hilft mir auf die sprünge für den endspurt. der weg zur elise ist vereist und laaaaang. länger als auf dem hinflug will es scheinen. ich simse meinen freunden und verwandten, dass wir angekommen sind und die besten neujahrswünsche und zu hause angekommen gibts einen kaffe für mich und eine heiße milch für die kids. was für ein tag! aber die reise war das alles wert. sogar die grün- und blau-malträtierte schulter, die einige zeit zum abheilen braucht.

nach oben!