paris

an einem freitag den dreizehnten

zitat: manche menschen glauben, dass einem am freitag, sofern es der dreizehnte eines monats ist, komische dinge passieren.
seit dem 13.04.2007 bin ich dieser theorie nicht mehr ganz abgeneigt:

teil eins         teil zwei

bis zum flughafen berlin schönefeld kommen wir ohne zwischenfälle. sicherlich zur schonung meines gemüts.
kleiner tipp am rande: die flüge, die an dreizehnten freitagen gehen, sind etwas billiger als normale, da sie bei abergläubischen menschen in etwa so beliebt sind wie eine schwarze katze, die von links nach rechts über den weg streunt oder ein friedhof um mitternacht. da das alles unsinn ist, stehen wir heute entspannt und vorurteilsfrei am flughafen.

eine erste kleine missstimmung kommt bei mir auf, als ich auf dem einzigen wartehallenklo von einem übergelaufenen waschbecken und leicht moderigen geruch empfangen werde. da ich weiß, wie man ein klo ohne körper- oder hautkontakt besucht ist das mit etwas abstand betrachtet nicht wirklich tragisch. das mit dem händewaschen in gegenwart einer rohrverstopfung im nachbarwaschbecken ist etwas schwieriger, aber am ende auch nur eine frage der willenskraft: weggucken und durch den mund atmen... na geht doch!

im flugzeug werden wir auf französisch begrüßt und ich stelle fest, dass diese sprache kaum anlehnungen an irgendeine andere sprache besitzt, die ich kenne. für mich sagt die stewardess etwas von ähnlichem sinngehalt wie "haben sie diesen bahnhof mit schnitzel auch in größe siebenundvierzig?" eigentlich ist das ja lustig, sich auszudenken, was das alles heißen könnte. ich habe spaß daran. solange, bis der kapitän uns netterweise übersetzt, was die stewardess da spricht: das gesamte gepäck muss noch einmal aus dem flugzeugbauch ausgepackt werden, da wir mehr gepäckstücke an bord haben, als eingecheckt wurden.

während wir warten und das bodenpersonal tatkräftig rumlärmt, gehen mir vielerlei gedanken durch den kopf:

  • wenn das so gut kontrolliert wird, wie konnte damals meine tasche nach lyon fliegen? da hatte doch ein französische flieger auch eine tasche zuviel an bord und keiner hat es gemerkt.
  • oder, ah! vielleicht ist damals meine tasche im französischen flieger der auslöser dafür gewesen, dass heutzutage eingecheckte und reale taschenzahl miteinander abgeglichen werden?
  • hmpf... wenn nun aber die bodencrew bei der problemlösung ausschließlich mathemathisch vorgeht und einfach (irgend)eine tasche hierlässt, nur damit die zahl wieder stimmt, dann wäre es mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit MEINE tasche, da sie nicht noch einmal nach frankreich will - schließlich weiß sie nicht, dass wir diesmal mit absicht in dieses land fliegen...

in meine überlegungen hinein kommt über die lautsprecher wieder eine französische stewardessen-ansage, die turbinen touren hoch und das flugzeug setzt sich in bewegung. wie das taschenproblem gelöst wurde, erfahre ich frühestens in paris, aber das ist mir augenblicklich egal, denn ohne jegliche vorwarnung ist mir mordsschlecht. meine überwunden geglaubte flugangst trifft mich mit einem schlag in die magengrube. ängstlich verkrampft schnappe ich mir schatzis hand und probiere angestrengt, meinen atem zu beruhigen und meinen puls unter kontrolle zu bringen. da könnte ich aber auch versuchen einhändig zwei dutzend zappelnde frösche festzuhalten. sinnlos. so murrt mein liebster nach einer weile zu recht, dass seine hand fast abgestorben ist und er sie gern wenigstens zum umblättern der zeitung mal kurz selber haben würde. SCHREI!!!

irgendwie habe ich überlebt und schatz's hand auch. in paris am flughafen riecht es nach alten polstermöbeln oder teppichen, die lange in einer raucherwohnung beheimatet waren und nun in einem überheizten unbelüfteten raum vor sich hin vegetieren. ich schließe kurz die augen und versuche, mich zu erinnern, wo ich das schon mal gerochen habe. außerdem wunderts mich, dass es so riecht - die franzosen haben eine strenge nichtraucherregelung seit 1992. sind die teppiche und wartesessel so alt? ich finde es nicht heraus, weil wir am kofferlaufband ankommen.

schatz lässt mich mit den anderen marathon-begleiterinnen dort zurück und geht fahrkarten für öffentliche verkehrsmittel besorgen. bis sich das band in bewegung setzt vergeht einige zeit. sicher ist mein held bis dahin wieder bei mir, so dass ich unsere beiden taschen nicht allein hieven muss. apropos tasche. ob meine tasche überhaupt hier ankommt? und wie zum geier sieht seine tasche eigentlich aus? ach du je! in meiner verstörten verfassung habe ich keinerlei erinnerung daran, was für eine tasche er genommen hat. meinen eigenen lädierten rollenkofer erkenne ich allemal - so wie der sieht kein anderer aus und er ist auch der einzige, der mit fug und recht von sich behaupten kann, in seinem leben schon 8 km schotterpistenfahrt bewältigt zu haben. das ist aber eine geschichte für einen anderen tag. die einzige idee, die ich jetzt betreffs schatz's tasche entwickeln kann ist "warten, bis sie die letzte auf dem band ist". ich gebe zu: das ist vor allem zeitlich nicht gerade optimal, aber rein rechnerisch absolut erfolg versprechend. die vorstellung, eine falsche tasche zu nehmen und von französisch sprechender transportpolizei verhaftet zu werden ist jedenfals weitaus weniger verlockend.

tatsächlich kann ich kurze zeit später meinen kleinen rollenkoffer vom band heben. er ist mir unerschütterlich treu geblieben und nach frankreich gefolgt! und noch besser: es gelingt meinem armen blondinenköpchen, beim anblick einer grau-schwarzen prallgefüllten sporttasche einen erinnerungs-datenaustausch zwischen diversen synapsen zu generieren, welcher geradewegs eine entsprechende handbewegung nebst greifmechanismus auslöst - just in dem moment als mein schatz triumphierend winkend auf mich zugestürzt kommt. erst als er auf einen meter ran ist, erkenne ich, dass er etwas in der hand hält: zwei kleine pappstreifen, etwa halbe kreditkartenngröße, orange-weiße mit einem silbernem rand und einem braunen magnetstreifen auf der rückseite. 96 euro, so verkündet er mir stolz, haben diese fünf-tages-tickets gekostet.

ich wundere mich: "wieso fünf tage? wir sind doch nur vier tage hier?"
schnell klärt mich schatz auf: "es gab nur drei tage oder fünf. damit wir am vierten tag nicht rumsuchen und neue tickets kaufen müssen, hab ich lieber fünf tage genommen."
ich liebe die umsichtigkeit meines helden: "ah ja!?"

so oder so. der preis legt die vermutung nahe, dass sie mit goldstaub galvanisiert oder von der queen persönlich handsigniert sind. passen wir also gut auf die wertvollen kleinode auf!

ich drücke schatz die graue tasche in die hand. er nimmt sie, schaut erst die tasche, dann mich fragend an: "ist das meine?" sofort plagt mich ein schlechtes gewissen und ich steuere suchend auf das kofferband zurück, wo inzwischen keine einzige tasche mehr unterwegs ist. alle sind fort. aber seine nähere untersuchung der von mir gewählten tasche ergibt, dass wir die wasserflaschen und den anderen inhalt gut kennen und mir fällt ein stein vom herzen, denn mein kopf funktioniert offensichtlich noch und die flugangst-bauch-krampf-symptome verschwinden bestimmt auch bald.

da wir die bahnsteige zur metro erst suchen müssen, drängt unsere neunköpfige mannschaft ein wenig ungeordnet richtung ausgang. es gibt verschiedene ideen, beispielsweise könne man mit der regionalbahn fahren und anschließend mit der metro. aber wie kommt man zur regionalbahn? ich verstehe die schilder hier partout nicht - egal wie lange ich sie anstarre. ab und zu steht dort, dass man sich einordnen soll - aber nach welchem prinzip denn? zum glück findet mein schatz eine stewardess, die sich offensichtlich hier auskennt und noch dazu aufgrund ihres berufsstandes englisch spricht. sie zeigt uns die magnetschwebebahn-haltestelle und sagt uns auch, dass wir an der haltestelle "antonie" umsteigen müssen.

mit unserem ganzen gepäck tappen wir alle mann brav in richtung magnetschwebebahn. es gibt eine treppe und nicht weit entfernt auch eine rolltreppe. aber diese führt offensichtlich ganz woanders hin und so schleppen wir brav unsere taschen den schmalen flur hinauf. bereits nach drei oder vier stufen beginnt es furchtbar nach pissoir zu stinken und ich vermeide es tunlichst, mich genauer umzusehen oder meine tasche - gewicht hin oder her - irgendwo kurz abzusetzen. schnell schnell. ich brauche frische luft! endlich oben angekommen stellt sich heraus, dass neben dem treppenaufgang eine saubere, schnelle rolltreppe endet. klar. das war die, die wir unten nicht genommen haben. na das passiert mir nicht nochmal!

antonie ist schon die zweite station und auch dort werden wir durch diverse schilder gebeten, uns einzuordnen. komisch. es gibt doch nur ein bahngleis hier?! auch diese ganzen namen der verschiedenen stationen. das alles ist so fremd. ich kann nur raten, wie man es aussprechen könnte und so bilden diese buchstabenketten in meinem kopf keine worte sondern bleiben absolut abstrakt. ich bin drauf angewiesen, dass unsere französisch-brocken-kenner das richtige tun und ich sie nicht aus den augen verliere. das funktioniert recht gut.

eben zum beispiel brauchten wir das erste mal unsere goldstaub-teuren tickets:
man musste die kleinen wertvollen teile gezwungenermaßen einem großen feindlich aussehenden automaten überlassen, der sie mit herzzerreißenden geräuschen auf echtheit prüfte, dann angewidert an seinem anderen ende wieder ausspuckte und daraufhin die arrettierung eines drehkreuzes freigab, so dass man durch besagtes drehkreuz und eine direkt daran anschließende schwere pendeltür, den eigentlichen bahnsteig betreten konnte. wer dummerweise darauf verzichtet hatte, sich gemäß einer kleinen abbildung auf kniehöhe, so einzurichten, seine große reisetasche voran und sich selber erst an zweiter position durch diese schleuse zu begeben - der blieb mit einem unsanften ruck zwischen drehkreuz und tür stecken, da die arretierung schon wieder einrastete, während die tasche noch hinter einem am arm baumelte...

es folgen viele regionalbahnstationen, unglaublich sommerliche temperaturen (24 grad im april!), reichlich graue landschaft und einen spontanen ersatz für meine flugangst-übelkeit: ein aus tiefsten tiefen aufsteigendes hungergefühl. das für den eigenbedarf über die grenze ausgeführte obst ist längst alle und die zwei wasserflaschen sind ebenfalls geleert, aber das hotel ist mental schon in sicht und außerdem werden wir heute abend zur feier des tages alle zusammen schön essen gehen. also gar kein problem.

da! unsere metrostation kommt und wieder steht überall die aufforderung auf den hinweisschildern, sich einzuordnen: "sortie". als wir am dritten "sortie-schild" vorbeikommen und über mir sonnenlicht auftaucht, begreife ich es endlich. "sortie" heißt nicht einsortieren sondern "ausgang"! na wunderbar. mein zweites französisches wort nach "merci". meine laune steigt kurzfristig - es ist also doch gar nicht ganz aussichtslos, sich hier zurechtzufinden.

zehn minuten später im hotelzimmer angekommen bin ich aber einfach nur kaputt. die hitze, meine aufregung im flieger und die tausend neuen eindrücke und überall diese schlechte luft... der pissoir-geruch verfolgte uns in allen treppenhäusern und an den bahnhöfen. die unterirdische luft war, wie in scheinbar allen u-bahn-systemen der welt, kaum zu ertragen. tausendfach ventiliert, angefüllt mit dem geruch heißer bremsen und auf unnatürliche weise warm - widerlich. ich möchte mich zu gern eine stunde hinlegen, bevor wir das sommerliche paris erkunden und die marathonstartnummer abholen.

ich husche ins bad und packe schnell die wichtigsten dinge aus: shampoo, zahncreme, haarbürste, duschbad, deo, parfüm und so weiter sortiere ich vor dem großen badezimmerspiegel auf den waschtisch. als ich geschafft aufs bett zumarschiere, liegt dort die große tasche im weg und mein liebster bittet mich, noch einen kleinen moment geduld zu haben. er wäre gleich damit fertig, die wichtigsten dinge auszupacken: stadtplan, hotelvoucher, marathonanmeldebestätigung, reiseführer, wegbeschreibung, tagesplanung hat er auf dem schreibtisch unterm großen spiegel angordnet.
innerlich breit grinsend intoniere ich im typischen ehefrau=angenervt-tonfall: "das hättest du dir sparen können! ICH habe doch die wichtigsten dinge schon ausgepackt!"
er ist sich keiner schuld bewusst und schaut entsprechend verständnislos zu mir.
jetzt kann ich mein lachen nicht mehr zurückhalten und ziehe ihn mit ins bad, wo ich ihm zeige, was ich soeben als die wichtigsten dinge erkannt und schonmal ausgepackt habe.
wenig später liegen wir grinsend auf dem bett und strecken uns lang aus vor dem ersten paris-erkundungstrip.

anmerkung der redaktion: männer und frauen sind so vollkommen verschieden genetisch konfiguriert. ob gott sich darüber auch so gut amüsieren kann wie wir uns? oder hat er das vielleicht aus gründen des humors und der komik ganz bewusst so arrangiert? egal. es ist einfach nur herrlich und allen, die ebenso denken sei die bühnenshow caveman dringend empfohlen.

wegen der legendären schönen pariserinnen (aber auch wegen der anderen marathonbegleiterinnen) hatte ich vor unserer reise beschlossen, nicht mit meiner alten (abgenutzten) handtasche zu verreisen und gleich noch neue schuhe, zwei shirts, eine kurze und eine lange hose zur aufnahme des weiblichen konkurrenzkampfes käuflich erworben. jedes stück seinen preis wert wohlgemerkt. mit besagten neuen schuhen an den füßen und der schneeweißen handtasche am arm machen ich mich selbstbewusst an der seite meines helden auf den weg. das messegelände finden wir mittels seines fabelhaften orientierungssinnes und seiner wichtigen dinge vom hotelzimmerschreibtisch ganz schnell und ohne umwege.

eine halbe stunde u-bahnfahrt und ein kleiner fussmarsch, schon bin ich auf meiner ersten marathon-anmelde-messe. für mich ist alles neu und obwohl mein liebster schwört, dass es hier total leer ist, sind das eine unmenge neuer eindrücke, zu viele menschen, zu viel von der fremden sprache - aber am schlimmsten: die knöchel über meinen großzehen schmerzen bedenklich. schatz hat inzwischen seine startnummer, diverse werbematerialien, einen wäschebeutel, einen marathon-stadtplan und andere nützliche dinge überreicht bekommen. einige der aussteller bieten uns kleine kostproben ihrer spezialitäten an. ich lehne vorsichtshalber ab. zwar rumort der hunger in meinen eingeweiden, aber ich traue der bekömmlichkeit der fremden speisen nicht so recht über den weg und zweitens kann ich natürlich nicht riskieren, dass ich heute abend keinen hunger mehr habe, wenn wir ausgehen. so trinke ich nur einen milchkaffee bei der bäckerei "paul", die hier der ansässige messegelände-caterer zu sein scheint.

mein herzallerliebster ist in seinem element, aber mir zuliebe dehnt er den messebesuch, den ich zwischenzeitlich barfuß fortgesetzt habe, nicht länger aus. da die metro alles andere als angenehm ist (zur erinnerung: null frischluft, grau, duster und deprimierend) schlage ich einen spaziergang vor. so fahren wir nur wenige stationen unterirdisch und kommen am place de la concorde ans tageslicht zurück. herrlich. sonnenschein, versöhnliche frischluft und fröhlich laufen wir die champs-eslysees hinauf (in den kleinen parks gehe ich barfuß) entlang an geschäften, zwischen vielen anderen touristen. was ich wirklich nett finde: die bäckerei paul scheint eine ganze ladenkette zu haben, denn kurz vor dem arc de triumphe hat der messegelände-caterer ein weiteres geschäft. eine entzückende vielfalt von confiserie- bis vollkornprodukten liegt in den auslagen zum verzehr bereit. aber ich bleibe standhaft. gegessen wird heute erst am abend! an der metrostation "franclin d roosevelt" habe ich keine einwände mehr, paris unter der erde zu erleben, denn meine füße brüllen inzwischen vor schmerzen und ich habe irgendwie sehnsucht danach, meine beine hochzulegen.

vor dem hotel in einem kleinen cafe sitzen zwei weitere unserer marathonis. sie sind gestern schon angekommen und im gleichen hotel untergebracht. wir verabreden uns, uns nachher im foyer des hotel zu treffen und von dort gemeinsam auf den weg zum vereinbarten restaurant zu machen. mein liebster will noch wasser kaufen gehen (das leitungswasser ist hier ungenießbar! es riecht wie ein frisch gechlortes schwimmnbad zur hochsaison) aber da ich mich kaum noch auf den schmerzenden füßen halten kann, ziehe ich das hotelzimmer vor und gehe schon mal hinauf.

im hotel fahre ich zusammen mit der chef-rezepzionisten und zwei englischen gästen hinauf. irre ich mich, oder gucken die komisch? okay okay. sicher sehe ich schmerzverzerrt drein. also setze ich ein lächeln auf und versuche es in feinstem schulenglisch mit einem scherz. mein humor scheint sich mit ihrem nicht zu decken. also stelle ich meine versuche ein.

im zimmer angekommen, lasse ich die handtasche auf den kleinen stuhl neben dem tisch fallen, werfe die hose ab und husche nur in slip und shirt ins bad. mit reichlich lauwarmem leitungswasser "erfrische" ich mir das gesicht und wundere mich, dass ich an meinem rechten handgelenk braune schmutzflecken habe. mit seife und desinfizierendem chlorwasser ist das schnell behoben. da fällt mein blick im spiegel auf meinen unterarm. noch so ein fleck. was ist denn das? ich betrachte mich genauer. am anderen arm scheine ich sauber zu sein, dafür habe ich auf dem shirt zwei weitere flecken und mir kommt ein verdacht. schnell untersuche ich meine hose - auch schmutzig. aber am schlimmsten: die schneeweiße handtasche! auf dem, oder besser gesagt IM reißverschluss prangt die mutter aller tauben-schiet-kleckse. ich könnte auf der stelle heulen. gestresst, hungrig und müde bin und nun zu allem überfluss auch noch in einer wörtlich beschissenen situation. mehr ertrag ich heute nicht!

statt mich in ruhe auszustrecken, lege ich resigniert einen waschtag ein, reinige mein shirt, reibe die flecken aus der hose, spüle den dreck aus dem handtaschenreißverschluss und schrubbe mich anschließend selbst inclusive ausgiebiger haarwäsche. inzwischen kommt mein schatz mit der errungenschaft des tages heim: sechs große flaschen herrliches mineralwasser ganz ohne chlor. sicher ist er enttäuscht, dass ich zwischen meinen hausfrauenarbeiten gar kein ausgiebiges lob für seine jagderfolge übrig habe. am ende bleiben mir noch dreißig minuten zum füße reanimieren, dann müssen wir uns schon anziehen und ins foyer des hotels flitzen.

blitzeblank, hübsch angezogen, dezent geschminkt, mit improvisierter (da noch halbnasser) frisur, stehen wir 40 minuten später ausgehfein im foyer. nach einigem hin und her, ob wir überhaupt noch pünktlich ankommen können, denn jemand hat herausgefunden, dass wir 14 metro-stationen fahrt und noch einen fußmarsch vor uns haben, beschließen wir, dass es höchste zeit ist, loszugehen. eilig laufen wir zur metrostation. am eingang will ich mein teures goldstaub-billet aus der hosentasche ziehen - aber ich trage zur feier des tages ein kleid und die hose liegt nass nebst metrokarte bei meiner großen wäsche im bad des hotelzimmers. ich will umkehren und sie holen, aber dazu haben wir keine zeit mehr.

jemand aus unserer truppe hat noch ein einfaches fahrtticket für mich übrig und weil ich mich ehrlich machen will, frage ich, was es kostet. im gegensatz zu unseren teuren papp-kärtchen kosten die einfachen fahrten im zehnerpack nur 14 euro. mein schatz ist ein begnadeter rechenkünstler und weiß innerhalb von sekunden, dass wir für 96 euro sage und schreibe sechs zehnerkarten und acht einzelfahrscheine bekommen hätten. ebenso schnell errechnet er, wie groß die wahrscheinlichkeit ist, dass wir in vier tagen und drei nächten mehr als 34+1 metro-fahrten pro person in anspruch nehmen (nur um von einfacher rentabilität sprechen zu können), nämlich: sehr sehr gering. er trägt es mit fassung.

als wir an unserer metrostation ankommen, laufen die vielen (wohlgemerkt nur die einheimischen) menschen, die mit uns aussteigen nicht zielstrebig die treppen hinauf zum ausgang, sondern bleiben vor einem fahrstuhl stehen. da uns das zu lange dauert, gehen wir die treppen hinauf. es ist eine sehr breite wendeltrepe, die wider erwarten keine unangenehmen gerüche verbreitet. aber nach dem dritten treppenabsatz kommt mir in den sinn, dass die anderen vielleicht deshalb auf den fahrstuhl warten, weil der aufstieg sehr beschwerlich ist? meine vermutung wird wohl stimmen, denn wir müssen etwa 120 stufen hoch klettern, bevor wir an die frische luft kommen.

uneinigkeit besteht jetzt noch darüber, wo genau denn das restaurant zu finden sei. die straße ist auf dem (marathon)stadtplan nicht verzeichnet und so telefonieren wir mit denen, die schon im restaurant auf uns warten. leider wissen die natürlich nicht, auf welcher straße wir uns gerade befinden und so hangeln wir uns an den vagen wegbeschreibungen der anderen ortsUNkundigen durch die schmalen gassen. wir kommen an eine sehr hohe schmale treppe. da vor uns türmen sich ca. achtzig steinstufen in der immer noch heißen abendsonne auf und ein erneuter anruf bei den anderen bestätigt: "ja. da ist eine treppe - die muss man rauf!" wohl oder übel machen wir uns an den aufstieg. als marathonläufer und auch als begleitung sind "sport und kondition" keine fremdworte für uns. allerdings halten die begleiterinnen mal vorsichtshalber dagegen: "abendgarderobe, pumps, sommerliche hitze, hunger, durst?"

nein - das gnadengesuch wird abgelehnt. wir müssen weiter. einen anderen weg gibt es nicht. oben am ende der treppe sollen wir uns nach links wenden und dann rechts hinauf eine kleine gasse zum mont martre nehmen. unser mann mit dem telefon ist kurzerhand zum anführer für diesen ausflug gewählt worden und geht ein paar schritte voraus, bleibt stehen und man sieht es ihm an: er wagt es kaum zu sagen, um in diese besagte gasse zu kommen muss man weitere 60 steinstufen überwinden. ich bin echt hungrig und daher motiviere ich mich und die anderen damen so gut ich kann, damit wir nur recht bald etwas zu essen bekommen. zwei sträßchen und drei telefonate später kommen wir in ein kleines französisches restaurant in einer herzallerliebsten gasse hinter dem mont martre.

im restaurant gibt es ein großes hallo als wir ankommen. die leute, die in anderen hotels untergekommen sind und die, die schon länger da sind und sich noch nicht getroffen haben - jeder hat mit jedem was zu beschnattern. das ist nur gar nicht so einfach, da das lokal sehr klein ist. man kann schlecht zwischen den verschiedenen tischen wechseln, da gar nicht genug platz dafür da ist. weder an den tischen selbst noch dazwischen.

wir sitzen an einem kleinen vierer-tisch. erst rücken wir ihn in die eine richtung ein stückchen nach vorn, damit mein liebster und seine tischdame platz nehmen können. dann rücken wir ihn wieder zurück, damit ich mit meinem tischnachbarn platz nehmen kann. die kellnerin flitzt zwischen unseren tischen hin- und her. immerhin sind wir alle zusammen 26 personen. bevor uns die speisenkarten erreichen vergeht eine weile (ich habe jetzt wirklich hunger!) und wir halten uns vorerst mit einer großen flasche wasser und ein wenig smalltalk über selbigem. die speisenkarten kommen und ich bin erstaunt: beim lesen kann man auch als sprachunkundiger französisch recht gut verstehen. beim reden hindert scheinbar nur die ungewohnte aussprache und die sprachgeschwindigkeit der einheimischen das verständnis.

ich finde fisch-gerichte, fleischgerichte, gegrilltes und ... ein paar vorspeisen und salate. SCHLUCK ist nicht wahr oder? ich habe plötzlich einen riesigen stein im magen. hastig durchforste ich die salatabteilung noch einmal genauer. es muss doch irgendetwas für vegetarier hier geben?! es gibt einen kleiner salat mit thunfischsauce, grünen salat mit hühnchenbruststreifen und die anderen antipasti sind alle mit totem tier. jetzt stehen mir die tränen in den augen. ich habe so einen riesenhunger und alles was es hier gibt ist mit fleisch, oder besteht aus kleinen mengen grüner blätter. ich flüstere kurz vor dem heulen über die speisenkarte hinweg einen hilfeschrei zu meinem liebsten:

"schatz, es gibt hier kein einziges vegetarisches essen!"
er: "wir können jetzt nicht woanders hingehen."
damit hat er für diesen moment aus gründen der höflichkeit natürlich recht, aber ich wollte jetzt nicht wissen, was NICHT geht. daher versuche ich vorsichtig noch einmal auf meine situation aufmerksam zu machen: "liebling, ich habe einen riesenhunger, aber nichts von alle dem hier kann ich essen."
seine lösung ist einfach: "iss doch einen nachtisch"
das meint er nicht ernst? "schatz! ich habe wirklichen hunger und keinen appetit auf süßkram!" (den ich als mahlzeit noch nicht einmal interessant finde, wenn ich gut gelaunt bin. aber das weiß er doch!)

ich muss wohl in meinem kummer etwas lauter geworden sein, denn unsere tischnachbarn wollen vermittelnd eingreifen:

sie: "dann nimm doch von dem gegrillten lachs."
ich: "danke, das ist lieb gemeint, aber ich bin vegetarierin."
sie: "du isst nicht einmal fisch?"
ich: "ein oder zweimal im jahr esse ich sushi - aber auch dann mit vorliebe die mit avocado oder gurke."
sie: "ich bin auch vegetarierin. aber in meinem job musste ich sooft mit wichtigen vorständen oder anderen leuten irgendwo essen gehen, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als fleisch zu essen."
warum tut sie das? ich könnte das nicht also erkläre ich ihr wahrheitsgemäß: "das könnte ich nicht. wenn ich denn tatsächlich mal appetit auf fleisch hatte und welches gegessen habe, dann ist es mir nicht bekommen und ich kam am nächsten tag nicht mehr aus dem badezimmer raus."
er: "oh! na dann nimm doch den kleinen käseteller"
ich: "die vorstellung, meinen komplett leeren magen mit vier fettreichen käsestücken und einer belegkirsche abzuspeisen ist nicht sehr verlockend."
sie: "und was ist mit den salaten?"
ich: "da ist überall fleisch dran und so richtig satt macht das auch nicht."
mein liebster hakt auch nochmal nach: "worauf hättest du denn hunger?"

was ist das für eine frage? für das, was mir vorschwebt erfinden die doch ihre speisenkarte nicht neu! das alles scheint so absurd - ich habe die karte gelesen, sie verstanden und anschließend mit meinem hunger und appetit gegen-gecheckt. mein ergebnis: nichts davon kommt in variationen in frage. trotzdem versuchen alle diese menschen hier um mich herum, mich davon zu überzeugen, dass die dinge, die sie selber lecker finden, auch für mich was wären. das hilft mir doch aber nicht. es ist eher so, dass ich immer gereizter werde bei dem versuch, ihnen freundlich zu erklären, was ich warum nicht essen kann oder mag. und vor allem: dass ich nicht einfach nur etwas essen möchte, weil es rein organisch gerade essbar und hier zu käuflich zu erwerben ist. essen ist für mich freude und nahrung, gesundheit und energie. sprich, ich brauche etwas, das ich mag, was meinen körper mit dem versorgt, was ihm gerade fehlt und was mir letzten endes gut bekommt.

bevor ich meinem liebsten oder den anderen beiden das alles erklären kann, steht die kellnerin an unserem tisch und fragt nach der bestellung. meine drei tischnachbarn wissen schon, was sie essen wollen und einigen sich zusätzlich auf eine weitere flasche wasser und ein flasche weißen wein für uns alle. ich traue es mich kaum zu sagen, denn die halten mich doch inzwischen für eine exzentrische tierschutzfanatikerin mit hysterischem wichtigtuer-syndrom *fluch*...ich trinke höchsten zweimal im jahr alkohol und dann nie weißen wein, weil ich davon sodbrennen bekomme. heute auf nüchternen magen, werde ich so oder so ohne alkohol bleiben.

schatz scheint mich auch als hysterische tierschützerin über alle maßen zu lieben und so versucht er unter großen mühen, mit händen und füßen mit der kellnerin etwas auszuhandeln:

er: "do you speak english?" (sprechen sie englisch?)
sie: "non. but oh... quit a little bit" (nein. oder naja ... ein kleines bisschen)
er: "do you have something with 'only vegetables'?" (haben sie etwas mit 'nur gemüse'?)
sie: "vegetables? yes. we have vegetables. look this salad here and here is something..." (gemüse? natürlich haben wir gemüse! schauen sie, hier ist salat und dort...)
er: "no. i mean, do you you have something vegetarian?" (nein. ich meine haben sie etwas vegetarisches?)
sie: "oh! vegetarian. yes of course. you can take the snails!" (oh! etwas vegetarisches. selbstverständlich. essen sie doch die schnecken!)

da hat sie natürlich recht. schnecken ernähren sich vegetarisch. HEUUL! wenn das nicht gleich ein ende hat, schreie ich jemanden an! wegrennen kann ich ja nicht, denn jemand müsste mir den tisch anheben.

schatz gibt nicht auf: "no! can you make some kind of vegetables fried with cheese?" (nein! können sie vielleicht verschiedene gemüse braten mit käse?)
sie ist sichtlich entrüstet: "non! non! we don't fried cheese!" (nein! niemals! wir braten keinen käse!"
er: "but you have vegetables?" (aber sie haben gemüse?)
sie gibt widerwillig zu: "yes we have. here is something with potatos and here you'll find spinach..." (ja haben wir. hier ist etwas mit kartoffeln und dort ist spinat dabei...)
verzweifelt, hungrig und am ende meiner geduld mache ich diesem gespräch ein ende: "ich bin nicht nach paris gekommen für kartoffeln mit spinat!"

hab ich das wirklich getan? ich bin nicht ganz sicher, aber mir scheint, so wie mich alle angucken, habe ich nicht nur laut etwas sehr dummes gesagt, sondern auch tatsächlich soeben die speisenkarte flach auf den tisch geklatscht. jetzt schaue ich meinen geliebten wütend schnaufend an, obwohl der an meiner misere gar nicht schuld ist... (ich nehme es mal an dieser stelle vorweg: ja wir lieben uns noch und sind auch nach diesem emotional anspruchsvollen urlaub zusammen geblieben. schatz? ich liebe dich unter anderem für deinen unübertroffenen langmut! er schaut mich erschreckt an und wendet sich dann an die kellnerin: "please make the salad for her. but without the chicken" (bitte machen sie diesen salat für sie, aber ohne das hühnchen)

die nehmen seine bestellung sehr wörtlich, denn ich bekomme einen kleinen teller auf dem sage und schreibe drei lila und drei grüne salatblätter liegen und quer obendrüber liegt eine tomate in scheiben - sicher war dieser tomaten-platz mal für die hühnchenbruststreifen gedacht aber da ich die ja nun mal verschmäht habe... selber schuld. ich nehme den kopf runter und füge mich in mein schicksal.

das tischgespräch dreht sich anfangs noch einmal um vegetarisches essen, dann mit einem schwenk nach paris geht es zum bevorstehenden marathon und später zur persönlichen laufmotivation über. meine beiträge zur unterhaltung leiden unter meiner gedrückten stimmung. mein magen pöbelt mich an, was diese verarsche mit der tomate und den drei grünen salatblättern soll, hä?! (die lilafarbenen sind so hart und bitter, dass ich es bei einer kostprobe be- und sie auf dem teller liegen lassen muss.) außerdem streiten sich auf meinen schultern engelchen und teufelchen heftig darüber, wie weit anstand geht. engelchen meint, man müsse unter allen umständen hier bleiben, da man nicht einfach 25 leute sitzen lässt, um sich gegenüber einen vegetarischen döner zu holen. teufelchen verteidigt beharrlich seine ansicht, dass die persönlichen grundbedürfnisse nicht vernachlässigt werden dürfen, das würde ja nur dazu führen, dass meine laune immer weiter sinke und das widerum verleide mir doch den abend mit diesen lieben menschen.

sollen sie weiter streiten! inzwischen ist die rechnung bezahlt und wir können aufbrechen in die frische nachtluft. der tisch wird von meinem schoß gehoben und befreit stehe ich auf ...raaatsch... an meiner rechten wade prangt eine drei zentimeter breite laufmasche. ich nehme sie nur noch zur kenntnis. aufregen kann ich mich heute nicht mehr und nein, ich will auch nicht mehr an schatz's hand durch das nächtliche paris irren auf der suche nach etwas essbarem. ich will nach hause. für den anfang reicht mir auch das hotelzimmerbett, glaub ich.

auf dem heimweg macht sich das viele treppensteigen bezahlt. man hat eine wirklich großartige aussicht von hier oben. über ganz paris kann man schauen - zumindest in südsüdwestlicher richtung. nach den vielen treppenstufen vor dem mont martre und in der metrostation (bergab gehen die ganz leicht) fällt mir das fehlende goldstaub-ticket wieder ein. ich kaufe am automaten eine einzelfahrt und kann einem metro-neuling aus unserer gruppe gleich mal mächtig mit meinem fachwissen über die metrotarife imponieren, als er am benachbarten automaten ebenfalls tickets kaufen will. ich helfe ihm beim fahrkartenkauf und während wir noch diskutieren, dass berlin und umgebung nie so hochfrequentierte öffentliche verkehrsmittel haben werden, wenn die preis- und parkplatzpolitik dieselbe bleibt wie bisher und wie das ganze im vergleich dazu in der ddr so ablief, kommen wir zu drehkreuz und pendeltür. leider hat mein momentaner begleiter das pech, dass das drehkreuz nicht arretiert war, als er sein ticket durch den automaten jagt, das hat zur folge, dass er nicht weiter kommt, da das drehkreuz jetzt erstmal nachholt, was es vorhin wohl versäumt hat: es rastet ein und bewegt sich kein stück mehr. die metro-einlass-automaten sind schlau - die einmal-tickets heißen so, weil man sie nur einmal benutzen darf. auf dem weg durch die unergründlichen tiefen des automaten wird das irgendwie auf dem ticket gespeichert.

mein schatz ist ein ebenso hilfsbereiter mensch wie ich und so schiebt er schnell sein fünf-tages-ticket in den automaten des steckengebliebenen einzelfahrausweisbesitzers. der kommt jetzt auch durch. nur muss schatz nun draußen bei mir bleiben. denn die goldstaub-tickets haben auch eine sicherung. scheinbar sind innerhalb einer gewissen zeitspanne keine zwei einlässe an derselben u-bahn erlaubt. die franzosen werde sich schon was dabei gedacht haben. zum beispiel tourismusminimierung oder so?

zu so später stunde, müde und ich für meinen teil auch noch hungrig... trotzdem kommt mir glüclicherweise die rettende idee:
"benehmen wir uns einfach wie tasche und reisender."
schatz schaut fragend und ich zeige ihm die symbolische darstellung auf dem automaten: "ist doch ganz einfach."

sicher geben wir jetzt ein klasse bild ab: er stellt sich so dicht es geht ins drehkreuz, ich halte mich von hinten um seine taille fest und beschwöre ihn mit nervöser stimme, aber auch wirklich erst dann loszugehen, wenn ich mich hinter ihm in bewegung setze... mein einzelfahrtausweis kommt zum zuge und in den automaten, das drehkreuz öffnet sich und tatsache: wir sind beide durch!

nach diesem warmen schmusekontakt mit schatz und dem erfolgserlebnis, schlauer als ein automat zu sein, bin ich mit der welt schon fast wieder versöhnt und schlafe ungefähr in dem augenblick ein, als ich aufs bett sinke. tief und fest bis zum nächsten morgen ... klick.

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sommer 2003. eines abends ging ich froh ins bett und als ich am anderen morgen erwachte war ich vegetarierin. warum? ich hatte einen traum:
ich unterhielt mich mit "maus" dem grauen kuscheltier am kopfende meines bettes. er lud mich ein, seine freunde kennenzulernen und ich ging mit. das heißt, ich blieb wo ich war und folgte einfach nur seinen gedanken. seine beste freundin war eine hübsche schwarzgefleckte kuh. ich konnte ihre große feuchte nase streicheln und dann zeigte sie mir ihre welt. ich erlebte von da an alles aus ihrer perspektive. grünes saftiges gras und sonne. das fühlte sich an, wie verliebt sein. ganz warm in der magengegend. ich höre meine herde. sie muhen und grasen und das gibt auch so ein gutes gefühl in der magengegend. das ist spannend! die tiere kommunizieren also auf eine telepathische art miteinander. nix gedankenlesen oder so - sie fühlen sich gegenseitig, spüren die empfindungen der anderen. alles ist mir ganz vertraut mit einemmal wird aus dem guten warmen gefühl bleierne angst und tiefstes erschüttern. was passiert? was passiert? ich habe angst. alles in mir tut weh und ich sehe bilder vor meinem inneren auge. überall ist blut und schmerz und ich verstehe nicht, was los ist. mein körper ist unversehrt, aber der schmerz und die angst und die bilder sind ebenso echt wie mein eigenes leben, wie mein eigenes ich. langsam begreife ich: meine herde. eine der kühe. geschlachtet. sie lebt noch. spürt alles und alles was sie spürt, spüren ich und die anderen der herde ebenso. es ist grauenhaft, denn so sehr ich sie in gedanken rufe, kann ich nichts für sie tun, ihr nicht helfen, sie nicht zurückholen. sie stirbt und ich fühle alle ihre angst und ihren schmerz wie meinen eigenen. erst als ihre irdischen empfindungen nachlassen, wird das sterben zu einem leisen akt. bis dahin war alles ein brutales aus dem leben reißen. vor allem: bei vollem durch die herde verhundertfachtem bewusstsein.
ich wache weinend auf, mein herz schlägt bis zum hals und ich bin immer noch voll von diesem schmerz und diesem entsetzen und der brutalität. die bilder vom vielen blut und den aus dem körper fallenden eingeweiden verfolgen mich bis zum morgen im unruhigen schlaf. im laufe des tages lässt die wucht der eindrücke nach, aber als ich abends ein salamibrot essen will muss ich mich beinahe übergeben. ich dachte immer, das würde sich wieder legen, aber es blieb bis heute dabei. ich habe mir das fleisch-essen nie verboten, aber ich hatte nur zwei- dreimal apettit drauf und es dann noch nicht mal vertragen.
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