mein erster marathon

sonntag der fünfzehnte

seit dem 15.04.2007 gilt folgende einschränkung für die "freitag der dreizehnte regelung":
freitag der dreizehnte ist nur ein intensivtraining des lebens für anschließende marathonsonntage am monats-fünfzehnten!

teil eins        teil zwei

samstagfrüh im herzen europas
ich freue mich auf ein kräftigendes frühstück. inzwischen ist die leere in meinem magen empfindlich spürbar. falls das geht. im grunde kann man ja leere gar nicht fühlen, weil da nichts ist. es sei denn, ein solch philospophischer gedanke über die spürbarkeit von leere wäre dort, dann wäre die leere keine solche mehr - oder bin ich einfach nur kurz vor einem hungerdelirium?

der frühstücksbereich befindet sich in der ersten etage. meiner ansicht nach ist das nur der flur zwischen den zimmern im ersten stock - aber die festinstallierte bar zeigt an, dass hier auch außerhalb der bauarbeitszeiten regulär das frühstück serviert wird. die baustelle reicht über alle stockwerke. es werden nämlich die lüftenmalereien (heißen die auch in frankreich so?) an der hausinnenwand erneuert und rundherum wird frisch geweißt. die zu renovierende wand beginnt in etage eins, wo wir frühstücken und geht bis hinauf in die etage acht, wo alles von einem lichtdurchfluteten kuppeldach abgeschlossen wird. damit die maler nicht die gäste beim frühstücken stören, ist in der etage zwei (die über dem frühstücksraum) eine plane gespannt. darüber hängen die maler in kleinen schaukeln vor der wand - so ähnlich wie fensterputzer an einer glasfassade.

wir wollen auf einen leeren tisch zusteuern. aber es gibt gar keinen. eine kellnerin sieht uns und deutet uns, neben dem fahrstuhl zu warten. ein paar von unseren mitreisenden frühstücken schon und einer kommt und erklärt uns, dass man hier plaziert wird und selbst wenn ein tisch freigewesen wäre, wäre es unhöflich gewesen, sich einfach zu setzen. er hätte uns auch gerne plätze an seinem tisch freihalten wollen, aber davon wollte die kellnerin nichts wissen. logisch. acht stockwerke a zehn zimmer mit ein bis zwei gästen - da ist einiges los hier und dabei gibt es nur 5 vierertische und 2 zweiertische. wider erwarten werden wir drei minuten später schon an einen eben freigewordenen vierertisch gebeten. mit uns sitzt dort ein weiteres pärchen aus der laufgruppe.

das frühstücksbuffett steht in der mitte ist etwa zwei mal ein meter groß. zwei kleine tische stehen an wänden zwischen zimmertüren. auf einem stehen einige thermoskannen, auf dem anderen baguettbrote, toast, crossaints, verschiedenes süßes gebäck und ein toaster. okay okay. es gibt noch einen dritten kleinen tisch zwischen zwei zimmertüren. aber da sind in warmhaltevorrichtungen tote würstchen und speck eingesperrt. dieser tisch zählt also nicht. die nähere inspektion des größten der tische ergibt vier von ungefähr dreißig möglichen punkten. die vier punkte gibt es für marmelade, eine käsesorte, trockenobst und honig. zusammen mit maximalem punktabzug am brottisch wegen nicht vorhandener vollkornprodukte, sieht es so aus, als müsse ich mit vier minus vier punkten in den tag starten ... wahrscheinlich bin ich einfach nur verwöhnt oder undankbar oder beides.

das will ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen und so nehme ich mir eine scheibe brot, welches nicht ganz so weiß ist wie alle anderen backwaren und röste es im toaster ganz dunkel. jetzt sieht es zumindest ain bisschen so aus, als wäre es aus vollem korn. man muss das mitessende auge einfach ein wenig überlisten. mit blickdichter erdbeermarmelade ist das täuschungsmanöver fast perfekt und der kaffee schmeckt wirklich sehr gut. außerdem: mit diesem hunger im bauch bin ich inzwischen sogar zu sonst undenkbaren kompromissen bereit.

ab und zu tauchen ein paar verschlafene gäste aus den türen zwischen den buffetttischen auf und ich frage mich, wie die hier schlafen können? können sie wohl nicht, sonst würden sie ja nicht herauskommen. das muss doch aber echt laut hier sein. von 7 bis 10 gibt es frühstück und jeder redet und klappert mit geschirr. oder andersrum - man ist auch so unter beobachtung. alleine wenn man die zimmertür aufmacht und alle gäste automatisch den kopf heben, nehmen die mal schnell einen blick vom ungemachten bett oder der nackten geliebten, die gerade aus dem bad kommt? sicher kosten die zimmer auf etage eins nur die hälfte!

was außerdem auch recht unpraktisch hier ist, ist das ständige gelaufe zum thermoskannentisch. man muss sich zwischen den tischen durchschlängeln, die dicht bei dicht stehen, die kaffeetassen sind so klein und immer schnell ausgetrunken. da hat unser tischnachbar die idee, einfach eine der kannen an unseren tisch zu holen. ZONK falscher fehler! die kellnerin schnappt sich wort- und grußlos unsere soeben ergatterte kanne und bringt sie demonstrativ zurück an den tisch mit den anderen thermoskannen. das war deutlich. betröppelt schauen wir ihr nach und dann uns an.

nach zwei pseudovollkorntoasts und diversen tassen kaffee, die ich mir nach diesem erlebnis ganz brav eine um die andere am thermoskannentisch hole, ist mein magen vorerst beruhigt. wir planen eine stadtrundfahrt. allzuviel laufen vor dem marathon wäre unklug und der gedanke an meine von gestern noch schmerzenden füße spricht auch für's fahren. die eine der buslinien, auf denen man paris er-fahren kann, funktioniert ein bisschen wie ein linienbus. es gibt über die stadt verteilt etwa zwanzig haltestellen für vier verschiedene sightseeingrouten. dort kann man ein-, aus- und umsteigen wie man lustig ist, denn ein einmal gekauftes ticket gilt den ganzen tag. na wunderbar. zu viert machen wir uns auf den weg.

wir haben herrlichestes wetter und vom oberen stock des busses aus einen super-panoramablick. die pariser autofahrer fahren tatsächlich so, wie in den bekannten fernsehfilmen. bei jeder gelegenheit wird gehupt. alles ist immer sehr knapp und wild und manchmal gibts kleine blech-blessuren. die üblichen verkehrsregeln sind höchstens anhaltspunkte für die polizei, die ab und an zum einsatz kommt. zum beispiel bei den beiden streithähnen, von denen einer dem anderen den parkplatz weggeschnappt hat. am ende schreien die sich laut an - beide gesichter knapp 5cm von einander entfernt, der eine holt aus und haut dem anderen direkt eins ins gesicht. schön, wenn der bus im stau steht und man so viel zeit zum beobachten hat.

merke! nimm dir in paris sicherheitshalber keinen mietwagen.

wir umrunden den eiffelturm und angesichts der menschenmassen, die dort schlange stehen, verzichten wir spontan darauf, hier auszusteigen. den eiffelturm als solchen sieht man eh viel besser, wenn man NICHT oben drauf steht. vor den türen der "galeries lafayette" steigen wir das erste mal aus und später noch einmal vor "notre dame". das ist wirklich toll. so viel schönes und so eine menge neuer eindrücke. paris war im krieg nicht oder kaum zerstört und daher stehen die bauwerke einer epoche alle hübsch nebeneinander für den geneigten betrachter aufgereiht. das ist etwas ganz anderes als metro fahren. besonders notre dame hat es mir angetan. sie ist kleiner als der kölner dom (hatte ich schon mal erwähnt, dass ich verwöhnt und undankbar bin?) aber sie hat ein ganz besonderes flair. die wasserspeier sind jeder einzelne ein kunstwerk für sich.

es ist inzwischen mittagszeit. das kann ich gar nicht vergessen, denn mein magen erinnert mich lautstark daran, gerade in dem moment als meine anderen drei verkünden, sie müssten jetzt nichts essen, nur vielleicht einen kleinen kaffee? da hab ich ja nochmal glück gehabt und kann rechtzeitig mein veto einlegen: ich zupfe meinen liebsten am ärmel, er dreht sich zu mir um und noch bevor ich was sagen kann, wirft er ein "aber ich glaube, hier hat jemand richtig hunger."

wir schauen uns nach einer möglichkeit zum einkehren um. man muss wissen, in paris isst man anders:

  1. man wird im restaurant plaziert und setzt sich nicht einfach rein, wo platz ist.
  2. es ist nicht zu jeder tages- und nachtzeit die küche der restaurants besetzt
  3. die franzosen nehmen ihre hauptmahlzeit spät zu sich. 20 uhr ist ein rechtzeitiges abendessen
  4. mittags isst man eine kleinigkeit zwischen 12 und 14 uhr
  5. auf den sonnenterrassen ist alles, was man verzehrt, teurer als im restaurant-innenbereich
  6. trinkgelder sind nur im kleinen rahmen angebracht, da service schon im preis inklusive ist
  7. auf den terrassen darf man oft nur dann sitzen, wenn man auch etwas verzehrt. "nur kaffee" gibts drinnen

eigentlich ist es ganz gut, dass ich hunger habe, denn so kommen wir in den genuss, auf der terrasse zu sitzen, auch wenn die anderen "nur kaffee" trinken wollen. hat mein hunger also doch einen nutzen. ich verschwinde kurz auf abenteuertour. in frankreich ist das mit den klos nämlich ein bisschen wie überlebenstraining.

dieses hier ist im kellergeschoss. nach der schmalen wendeltreppe mit ungestrichenen wänden kommt man in eine nische, die auf 1 x 1,5 m mit rotem teppich ausgelegt ist - sicher damit man erkennt, dass dieser teil des flurs zu irgendetwas gehört und kein lagerraum oder ähnliches ist. rechts an der wand ist ein waschtisch mit waschbecken angebracht, gegenüber sind zwei türen. eine mit damen- und eine mit herrensymbol. beide schlösser zeigen rot. während ich warte, erfahre ich über die beiden toilettenbenutzer alles, was ich nicht wissen wollte. nein. die reden nicht. man hört nur jedes stoff rascheln, papier abrollen und alle weiteren details eines toilettenbesuchs. och nee! aber es hilft nix - ich muss da mal hin, denn im bus gibts kein klo und wie das nächste restaurantklo aussieht, will ich mir nicht ausmalen. das von gestern abend ist mir auch noch gut in erinnerung.

ich habe den klobesuch dank ausreichender selbstmotivation, überzeugungskraft und aussicht auf ende des hungers überlebt! glücklich komme ich nach oben auf die terrasse und mein liebster empfängt mich mit einer empfehlung:
"der kellner ging hier eben mit einem salat im korb vorbei. der sah richtig gut aus!"
meinen ersten spontanen gedanken:
"bitte! nicht schon wieder salat! gibt es unter den fleischessern niemanden, dem was anderes als gestapeltes grünzeug einfällt, wenn er ein vegetarisches essen nennen soll?!" behalte ich für mich. es grenzt ja an ein wunder, dass mich mein schatz nicht gestern abend verstoßen hat und daher bitte ich ihn nur um ein wenig bedenk- und kartenlesezeit.

stück für stück taste ich mich durch das angebot, als der kellner hinter mir lang kommt, fuchtelt schatz ganz unauffällig mit beiden armen nebst speisekarte: "da! das ist so ein salat!" schatz ist so begeistert und aufgeregt, dass ich mir den salat nun doch angucke. und leute, der sieht wirklich mehr als appetitlich aus. der korb ist ein gebackenes fladenbrot und oben heraus schauen eisberg, frisee, rucola, champignon, paprika, zwiebeln, dressing ... einfach lecker! ich lege die karte weg. habe soeben meine ess-entscheidung getroffen!

mit glückshormonen angereichert lebt es sich leichter und sogleich werde ich übermütig, als ich als letzte in unserer runde meine bestellung aufgebe. den salat bestelle ich mit einem fröhlichen fingerzeig an der entsprechenden kartenstelle und gleich dazu möchte ich einen dieser herrlichen frischen duftenden kaffees, die die hier überall kochen. mit milch. ich kann das sogar schon auf französisch sagen und stolz blicke ich zum kellner auf. wider erwarten guckt der verständnislos. ich wiederhole meine kaffeebestellung etwas langsamer mit der betonten aussprache eines verunsicherten französisch-analphabeten. irritiert notiert er meinen wunsch und verschwindet. ich schaue schatz fragend an und der erklärt mir: " der kaffee wird hier immer erst NACH dem essen getrunken (und bestellt)" ... ich wende ein, dass der zeitpunkt doch sicher ein bisschen flexibel gewählt werden kann, aber schon während ich das ausspreche wird mir klar, dass ich mit dieser einstellung den franzosen wie eine ignorante deutsche touristin par exellence vorkommen muss. aber es ist eh zu spät, der kellner bringt kurz darauf unsere bestellung (die anderen drei essen übrigens auch jeder etwas - es sah einfach alles zu appetitlich aus!)

später im hotel ist es zeit, mich in die marathongepflogenheiten einzuweihen. ich war noch nie zuschauer und erst recht nicht caterer oder mitläufer. für mich ist alles NEU und noch dazu alles in frankreich, wo ich doch nur englisch spreche. ich höre und staune, was schatz alles vorbereitet hat. jetzt weiß ich, warum er gestern die ganzen unterlagen zuerst ausgepackt und sortiert hat, während ich das bad mit kosmetik bestückte.unsere betriebsorga würde vor so einem ablaufplan strammstehen.
er: "du musst um viertel nach sieben zur metro gehen"
ich: "so früh? ich dachte, ihr lauft erst um 8 los?"
er: "ja ja. aber ich bin doch schon 8:30 am punkt eins. hier:" er zeigt mir meinen ersten standort auf dem parisstadtplan
ich: "ah ja. und wie siehst du mich dann? stehen da nicht viele zuschauer?"
er: "na deshalb hab ich ja die stelle hier ausgesucht. da müsste es von den zuschauern her gehen."
ich: "hhmpf" ich schaue auf die karte. die metrostation ist etwa anderthalb kilometer von der streckie entfernt. "ich sollte morgen auf jeden fall turnschuhe tragen!"
er: "joh... is vielleicht besser. zu punkt zwei und drei hast du ja auch ein stück weg..."
""
""
""
""
""

- BAUSTELLE - ich bitte um verständnis ;-)

nach oben