god save the queen

visiting london for newbees

was macht man mit einem überflüssigen flugticket? man bucht es so um, dass man was damit anfangen kann. wie wäre es mit einer städtereise? salzburg war doch toll. das kann man an einem anderen ort doch auch so machen... ich schaue mich bei der fluggesellschaft um und dort sind mailand, rom, klagenfurt, wien und london im angebot.

ich entscheide nach logischen und emotionalen gesichtspunkten: london. ich kann sehr gut englisch, vor einem jahr habe ich schon einen reiseführer gekauft, schon als junges mädchen wollte ich schon immer mal zu madam toussaud, in die westminster abbey und big ben ansehen - europas größte uhr - ist doch für eine uhrmacherin ein MUSS! ich buche den flug und anschließend schaue ich mich im internet nach einem hotelzimmer um.

mein langjähriger kollege und gb-reisender warnt mich, dass die englischen standards nicht den deutschen entsprechen. weiß ich doch! aber die internetseite, die mir auch schon in köln und salzburg zu netten zimmern verholfen hat, hat auch diesmal was für mit. internet-sonder-angebot 30 pfund die nacht. gleich im zentrum nahe der victoria-station, mit telefon, tv und fön. ohne breakfast? stört mich nicht. da kann man ja dann irgendwo hingehen. gefunden, gebucht, gefreut.

einen londonpass bekomme ich für schlappe 102 euro auch gleich noch im internet. jetzt habe ich die gewähr, dass ich drei tage for free mit allen öffentlichen verkehrsmitteln durch london touren kann und in mehr als 60 museen, events oder sehenswürdigkeiten freien oder ermäßgten einlass bekomme. klasse! so gut ausgestattet und vorbereitet kann london nur ein voller erfolg werden! ich bin euphorisch bis zwei tage vor dem

17.07.2006
irgendwie hab ich das gefühl, ich will da gar nicht hin. irgendwas stimmt nicht. eine innere stimme streitet sich lautstark mit der angst, in einem fremden land fern der heimat allein zu sein. das aber ist ein hürde, die ich meinem inneren schweinehund so wie spinnenphobie und flugangst doch sicher abtrotzen kann. oder? *zitter* ich will da irgendwie gar nicht hin. ich schaffe es, morgens vor dem flug, einen kaffee zu trinken und einen glückskeks zu essen: "ihr lächeln wird sprachbarrieren überwinden." vorsichtshalber stecke ich nun doch noch meinen kleinen langescheidt ein. auf meine orakel ist meistens verlass.

im flugzeug studiere ich den reiseführer und baue mir gedanklich eine besichtigungsroute zurecht. die besichtigungsempfehlungen des reiseführers kombiniert mit den angeboten des londonpass ergeben interessante möglichkeiten. was mir erst jetzt auffällt: ausgerechnet das wachsfigurenkabinett und die westminster abbey sind nicht im londonpass enthalten. aber was solls. hau ich die kohle eben raus ich will da irgendwie gar nicht hin. und zahle das vom mühsam gesparten geld. warum schnattert mir eigentlich andauernd jemand dazwischen? hallo?! ich will da irgendwie gar nicht hin!

tapfer ignoriere ich den störenfried in meinem kopf. schließlich und endlich sitze ich bereits im flieger und ich bin schon erwachsen und es ist albern, da nicht hin zu wollen ohne trifige gründe. oder gibt es etwa einen grund? (sollte es einen geben wäre ich dafür ohnehin taub) na bitte! die stimme ist jetzt schon viel leiser und meldet sich seltener. eine tagesroute für heute finde ich dennoch nicht. das ganze gequatsche hindert mich und da unten zieht so viel wasser und später landschaft an mir vorüber...

als ich in london stansted an die frische luft komme bin ich überrascht. es duftet nach frischem nassen heu! ist das herrlich. mit geschlossenen augen halte ich meine nase in den wind, bis ich fast die letzte auf dem rollfeld bin. ich schledere den anderen hinterher. jetzt hab ich zeit. das ist mein urlaub und auch wenn ich ihn drei tage im hotelbett verbringen sollte: wem bin ich rechenschaft schuldig außer mir selbst? siehste! geht doch! so froh aufgestellt, die innere stimme davon wirds auch nicht besser! knurrrrr im schach haltend erkunde ich den flughafen. melde zu hause meine glückliche landung und suche einen laden, der stadtpläne feil bietet.

i'm really good in speaking english! ich bekomme einen handlichen stadtplan von london und einen quietschgrünen apfel gleich dazu. klar wollte ich das so! pssst?! wir könnten einfach wieder nach hause fliegen, statt mutterseelenallein in einem fremden land zu bleiben. nicht? war ja nur so eine idee. komisch nur, dass ich mich nicht so recht aufraffen kann, mir einen bus zu schnappen und endlich mein hotel aufzusuchen. stattdessen drehe ich eine um die andere runde durch den flughafen, als wäre er das objekt meines sehnens. hier mache ich ein foto und dort trinke ich einen kaffee. schnell für ein paar penny ins internet, eine ankommens-email senden. eine geschlagene stunde schaue ich einfach nur so den menschen zu, die ankommen und abfliegen und von ihren lieben begrüßt oder verabschiedet werden... tja da hilft wohl alles nichts. ich hole tief luft und gehe zum ticketschalter des terravision-bus-unternehmens, welches damit wirbt, in nullkommanix zu ultimativ günstigen tarifen in die innensadt zu fahren. (ankunft victoriastation mit nur 45 minuten verspätung!)

ich ziehe meinen koffer die belgrave road entlang und finde viele dinge heraus:
1) in london schert sich kein fußgänger um die farbe der ampel. fußgänger gehen IMMER über die straße.
2) die straßenführung und entsprechende hausnummernvergabe folgt einem geheimen chaotischen system, welches sich wohl auch dem erfinder nicht erschlossen hat.
3) auch kinder sind fußgänger.
4) als festlandeuropäer schaut man immer zuerst zur falschen seite, ob die straße frei ist.
5) londoner taxifahrer haben ein gutes reaktionsvermögen.
6) an allen mülltonnen und papierkörben prangt die krone der queen
7) da man die queen nicht beschmutzen oder denunzieren darf, werfen sehr respektvolle londoner ihren dreck lieber neben die königlichen mülleimer
8) auch polizisten sind fußgänger
9) in einbahnstraßen kommen die autos auch in london zuerst von links
10) festlandeuropäer halten sich besser an die ampelfarben!

die belgrave road zieht sich lang hin und ich prüfe mehrmals im wechsel meine hotelreservierung und den stadtplan. alle häuser sind so schmal wie eine eingangstür plus kleines fenster. wie wohnen die da drin? und warum sind auch die no-name-hotels alle so schmal? die namenhafteren hotel-ketten sind immerhin so breit wie eine tür plus rechts und links ein fenster daneben. nur ganz berühmte große hotels können wirklich "ein haus" ihr eigen nennen. wie das alles von drinnen aussieht hätte ich nie zu träumen gewagt...

im parkhotel ist es dunkel und muffig der gang ist gerade so schmal, dass ich mich (bodymassindex 21) nur seitlich mit dem rollenkoffer im schlepp vorwärtsbewegen kann. die tapete stammt aus dem vorigen jahrhundert. genauer gesagt aus dem vor-vorigen. sie ist den wänden auch nicht so eng verhaftet, eher lose verbunden. der teppich gibt unter jedem schritt nach. aber nicht, weil er so hochflorig wäre. nein. beim blick nach unten offenbart sich, dass es sich um ungefähr vier lagen bunt gemusterte und (wie in einem komposthaufen) in unterschiedlichen zerfall-stadien befindliche teppiche handelt. allerdings hat man bei betrachtung der bodenschwingung das gefühl, sie dienten nicht nur der dekoration und dem unheimlichen äääh anheimeligen ambiente, sondern auch, um zu verhindern, dass man ins kellergeschoss durchfällt. da bekommt der begriff "spannteppich" eine völlig neue dimension!

die rezeption ist der raum hinter dem kleinen fenster. sie besteht aus vielen windschiefen stapeln sehr alter, fleckiger papiere auf einem noch älteren regalbrett. dazwischen ein voller aschenbecher, ein telefonapparat aus den frühen siebzigern, zwei vergessenen zuckertütchen, ein paar kaffee- und wasserrändern. drumherum an der wand entlang drappiert furchtbar viel kitsch, ein umlaufendes wandbrett anstelle von vielen kleinen tischen, ein paar barhocker, deren bezüge teilweise aufgerissen sind, klebrige zuckerdosen und zwei männer indischer abstammung, von denen einer angestrengt jede bewegung der augen vermeidend auf einen der papierstapel schaut und der andere mit bazar-feilsch-stimme mit einem konsterniert dreinblickenden pärchen diskutiert. irgendwann bekommt er eine summe geld und dem pärchen ist anzusehen, dass es nicht der betrag war, den sie sich zu zahlen vorgestellt hatten.

also ich will ja nicht stören. aber das hier sieht wirklich SCHLIMM aus. bist du sicher, dass... ein sehr zorniger gedanke bringt die nörgelstimme zum schweigen. leider habe ich mich inzwischen auf einen rissfreien barhocker gesetzt und den blick schweifen lassen. diese rezeption ist auch gleichzeitig der frühstücksraum. am boden stapeln sich überall fleckige papiere, halb zusammengeknickte kartons, alte zeitungen, durchzogen von staubigen kunststofftüten. die bodennahsten schichten machen den eindruck, in die oberste teppichlage bereits symbiotisch eindiffundiert zu sein. in der hintersten ecke spielt sich scheinbar das wichtigste vom breakfast ab. die zubereitung von toast, tee und cornflakes. ich für meinen teil bin unsagbar froh, dass ich KEIN frühstück mitgebucht habe. das toastbrot befindet sich in einem erbärmlichen zustand. kein wunder. sein aufenthaltsort ist einer der kartons unter dem umlaufenden brett. ein paar scheiben befinden sich gnädigerweise noch im originalzelophan, der rest allerdings liegt kreuz und quer lose im karton. offenbar schon lange genug, um vom britisch korrekten ebenmäß flachen weißbrot in eine eleganten wellenform zu wechslen.

in meine bertrachtungen hinein betreten zwei junge mädchen mit putzeimern die szene. erleichterung macht sich breit. doch statt die gewellten brote wegzuwerfen, tische zu wischen, benutztes geschirr zu verräumen, zuckerdosen dem abwasch zuzuführen oder etwas anderes erhebendes zu tun, greift eine von beiden beherzt mit bloßen händen in einen anderen grauen karton auf dem boden und befördert lose(!) teebeutel zu tage. was sie zuletzt mit eimer und lappen geputzt hat und ob dazwischen zeit zum händewaschen blieb, ist eine frage, auf deren antwort ich gar nicht so erpicht bin. gelinde gesagt bin ich quot;not amused". in meine schockstarre hinein fragt mich der mann, der eben noch mit dem pärchen verhandelt hatte, äußerst liebenswert: "what can I do for you?"

so wie die engländer der queen, bin ich meiner ehrlichkeit und höflichkeit untrennbar verbunden und gebe daher widerwillig aber wahrheitsgetreu zu, dass ich hier ein zimmer reserviert habe. seine freundlichkeit ist noch steigerbar, als er mir erklärt, dass hier unten der frühstücksraum sei und ich das zimmer bitte im voraus bezahlen müsse. kreditkarte würde gehen, wenngleich ihm cash lieber wäre. ratzfatz sind 90 pfund von meiner karte abgebucht und meine frage, ob ich das zimmer vielleicht vorher mal in augenschein nehmen könne, geht in seinem bemühen unter, schnell die notwendigen modalitäten zu erledigen. geld abbuchen und check-in-beleg ausfüllen... sicher bekäme ich meinen koffer allein ins zimmer. ist ja gleich hier... er schiebt mich mit koffer zurück in den schmalen gang. ich solle hier recht gehen. das erste zimmer sei es schon.

meine innere stimme ist plötzlich so still? duhu? ist das nicht alles schrecklich hier? ungern gebe ich ihr recht und quäle mich eine schmale treppe hinauf, die ebenso wie der flur im erdgeschoss nicht aus festem boden, sondern vielschichtigem teppich zu bestehen scheint. auf dem ersten treppenabsatz (auf dem kaum genug platz zum drehen ist) befindet sich eine tür. da steht zwar eine zahl dran - aber nicht die drei, wie auf meinem schlüssel.

fortsetzung folgt


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