Schönes Wochenende!

...wünschen sich Kollegen, Freunde und Bekannte freitags gern gegenseitig...
08.06.2009
Nach der echt wilden letzten Woche (Jugendweihefeier mit 40 Personen, Partyreste wegräumen, großes Kind nach Frankreich in den Schüleraustausch schicken, kleines Kind vom Ganzkörperallergieschub heilen, 39 h Doppeljob schuften weil ich die Urlaubs-Vertretung der Sekretärin bin, großes Kind meldet sich erst nach zwei Tagen, dass es angekommen ist, auf 3 Tage verteilt 44 km laufen, um immer wieder mal runterzukommen, Taufgeschenk besorgen, Keller ausräumen helfen, weil die Uroma bei uns einziehen wird) falle ich Freitagabend um 22:00 Uhr ins Bett und erwache Samstag erst um 10:00 aus dem Tiiiiefschlaf. Auweia! Ich muss doch aber für meinen in Frankreich befindlichen Sohn die Zeitungsausfahrt-Tour machen!

Anstatt geruhsam in den Tag zu starten schlinge ich ein Brötchen runter, flitze in den Keller, um den Rucksack für den Zeitungstransport zu holen. Finde keinen Rucksack, dafür aber im Getränkehalter die Trinkflasche, die mein SohnÄrger verraucht und ich käme mir auch irgendwie albern vor. Bestandsaufnahme am Fahrradhinterreifen: muss ein neuer Mantel drauf! Ich hab keinen Plan, wie man ein Hinterrad ausbaut, die Kette abmontiert, Zahnkränze nach dem Wechsel wieder richtig in die Mechanik bekommt oder was sonst zu beachten ist, aber was soll's? Kommt Zeit kommt Rad ... äh Rat! Ich notiere mir sinnigerweise die Typen und Größenbezeichnung und los!

Im Fahrrad-Laden: Langes Palaver mit dem Verkäufer. Wenn das Rad eine DDR-Produktion ist, könnte unter Umständen eine normale 28er Decke nicht passen. (Ich sage ihm lieber nicht, dass es sich um ein Baujahr 1984 handelt und das der Mantel seitdem von mir gefahren wurde, ohne jemals erneuert zu werden.) Ich kontere geschickt mit kluger Mine und gefährlichem Halbwissen: mein alter Reifen hat die Größe Achtundzwanzig zwei drei Achtel auf zwei drei Fünftel (innerlich schwitze ich, ob diese Größe nicht auffällig DDR-mäßig sein könnte oder ich die Größen in falschen Bezug zu einander gesetzt hab?). Aber nein. Es war ein Treffer. Anerkennend versichert er mir, dass er so einen Reifen da hat. Er verkauft ihn mir sogar. Gutes Rad ist teuer. Äh guter Rat...

Schnell wieder nach Hause mit der neuen Errungenschaft und ab in den Keller. Doch halt! Weil meine Tochter zur Taufe der Schwester ihrer Freundin eingeladen ist: nicht das Rad fertig reparieren, sondern erst Kind wegbringen (20 km hin und wieder zurück und bitte unterwegs den geliehenen Grill abgeben und die liegen gebliebenen Pullover, Kosmetiktaschen und Grillzangen vom letzten WE verteilen, sonst fahr ich die 20 km nachher noch mal!).

Erledigt. Wieder zu Hause: Mein Vater ist nicht da. Wo treiben die sich rum? Ich krieg das mit dem Hinterrad nie hin, ohne jemanden zu fragen. Aber ich kann schon mal die Zeitungen und Beileger zusammen sortieren (ca. 1 h Arbeit) zwischendurch auf die Uhr schauen und entsetzt feststellen, dass es langsam knapp wird, wenn ich mit den Zug nach Berlin will, Mistmistmist!

Ich rufe in Berlin an, um anzukündigen, dass ich zu spät komme oder überhaupt nicht, weil ich keinen Plan ... am anderen Ende sofort: "Keep cool, lass das Fahrrad stehen, ich komm morgen mit zu Dir nach Hause und reparier es Dir und dann kannst Du die Zeitungen immer noch ausfahren." Mein Held!"

Okay, aber ich hab noch keine Sachen gepackt! Schnell Tasche packen: Was legeres für abends, was zum Laufen für morgens und was Hübsches für den anschließenden Brunch, dann noch was aus dem Kühlschrank, die Bücher über Tromsö und in 30 min geht der Zug ... WAAAAH! Geplant war, dass mich meine Eltern zum Bahnhof bringen, aber wo stecken die??? Also schnell selber zum Bahnhof geflogen, da auch kein motorisierter Nachbar zu Hause ist. Ich finde einen tollen Parkplatz und werde mitsamt Sack und Pack im gerade einsetzenden Regen erstmal ordentlich nass, denn vor mir am Ticketautomaten blockieren zwei Volldeppen mit Fahrrad-Ticket-Problemen den Verkehr. 100 m mit schweren Taschen bis zum anderen Automaten wetzen, Schranke geht schon runter, shit! Geld in den Schlitz, Druck initialisiert, Ticket in den Entwerter, Zug hält an, gerade noch geschafft!

Ich sitze im Zug und verschnaufe. Hab ich eigentlich von Bahnhof Zoo Anschluss? In Berlin Zoo regnet's auch, aber ich muss nicht auf einen Bus warten, denn mein unübertroffener Held und Retter holt mich mit dem Auto ab, Hurra! Jetzt fahren wir nur noch zwei Kleinigkeiten einkaufen, schnell vorbei beim wichtigsten aller Läden in der Schlossstraße. Endlich angekommen, falle ich erschöpft auf die Couch, muss aber gleich wieder hoch: Da war doch noch die Internetsuche wegen der Anfahrt über die fertige neue Autobahn nach Schmöckwitz morgen und wie war das mit der Laufroute und dem Höhenprofil?

Geschafft. Ich hab mich gerade endlich gemütlich hingesetzt, als die Kinder des Hauses samt Freunden zu Besuch kommen. Wir könnten doch auf der genialen TV- und Surround-Sound-Anlage einen Film anschauen. Vielleicht einen Action-Kracher oder "Der rote Baron", weil da der Dolby-Surround-Effekt am besten rüber kommt. Wenn die Flugzeuge so von hinten ins Bild ... ??? *Hilfe!* Sie lassen sich 'ne Blue-Ray-Disc beispielhaft vorführen und ich frage mich gerade, wie ich das überleben soll mit einem Wohnzimmer voll halbstarker Filmegucker, da haben sie es sich schon wieder anders überlegt und verschwinden auf ne viel geilere Party. Der kurze Filmausschnitt eben hat ihnen ja auch gereicht, um ehrfurchtsvoll den Hut vor der modernen Technik zu ziehen. Erleichterung. Also machen wir uns was zu essen (ist schon 19:30) und ich fall hinterher endlich auf dem Sofa zusammen, kann aber nicht einschlafen, weil ich viel zu aufgedreht bin. Zuviel Adrenalin!!! Bin am Ende die halbe Nacht wach, obwohl ich so kaputt bin...

Sonntag geht's gleich morgens weiter. Volles Programm. Pünktlich aufstehen, Weg über die neue Autobahn probieren, Lauftreff finden, 18 km gemeinsam laufen mit Orientierungseinlagen und Karte lesen. Weil es der zehnte GLS-Lauf war, gibt es am Anschluss einen Blumenstrauß und es wird mit Sekt angestoßen und ein paar offizielle Worte werden gesprochen... Frühstück war sehr lecker, aber wenn man sich selten sieht gibt's auch mit jedem der Anwesenden viel zu erzählen und so kann von Ruhe keine Rede sein. Gegen 13:00 brechen wir auf. Zu Hause hat mein Vater liebevoller Weise schon das Rad repariert. So kann ich vor dem Zeitung ausfahren noch zum Wahllokal spazieren und einen Moment ganz gemütlich frische Luft schnappen.

Wo ist der Rucksack? Bei meinem Sohn im Zimmer! Und welch Üerraschung: Im Rucksack gibt es noch eine weitere Trinkflasche mit eins A Langhaarschimmel. Bäks! Vielleicht lohnt es sich doch, länger wütend zu bleiben, oder den Frust zwischenzulagern, bis er wieder da ist? Nach kurzem erfolglosen Überlegen zieh ich was Sportliches an, schwing mich aufs Fahrrad und wundere mich, dass ich vor der Abfahrt trotz neuem Reifen noch mal Luft aufpumpen muss. Komisch. Nach den ersten 3 km rappelt mein Hinterrad ganz erbärmlich auf dem Schotterweg ... erst denk ich mir nicht viel dabei, dann schau ich es mir genauer an: Platt! Och nee!

Ich ruf zu Hause an, ob mein Vater ne Idee hat, aber es ist keiner da. Wo stecken die schon wieder? Mistmistmist! Das Fahrrad hat 8 kg Zeitungen geladen und ich hab noch mal 4 kg Zeitungen im Rucksack. Werkzeug hab ich nicht dabei. Mit dem defekten Reifen komme ich immer ca. drei oder vier Häuser weit, dann muss ich pumpen. Jedes Mal absteigen, neu aufsitzen, schwitz, antret, hin- und herrutsch... irgendwie tut mir inzwischen da echt was mies weh. Ich Depp! Warum hab ich nur Sportkleiundg und nicht auch Sport-Unterwäsche angezogen? Aua! Das werd ich meinen Kindern als Lebensweisheit noch eintrichtern: Hübsche Unterwäsche ist nur hübsch! Nicht praktisch. Aber kurz nach dieser Bahn brechenden Erkenntnis kann ich (zum Glück?) die Zeitungen eh nur noch schiebend austeilen, weil die Luft im Reifen gar nicht mehr hält. Dadurch entfällt das schmerzhafte Auf- und Absteigen... Zu Hause geht übrigens immer noch niemand ans Telefon. Und warum ist eigentlich meine Tochter auch nicht zu Hause?

Nach einer Stunde Schiebe-Fahrrad-Zeitung-Austragen meldet sich mein Vater. Er bringt mir mit Nachbars Kombi ein anderes Rad und nimmt das Kaputte mit. Er hat ein schlechtes Gewissen, weil ER doch das Rad repariert hat. Ist mir momentan aber eher egal, ich will nur noch die Zeitungen loswerden, kann mich kaum noch aufrecht halten. Die zwei allerentlegensten Häuser lass ich heute aus. Eine gute Stunde später komm ich dann endlich heim. Völlig fertig von der Quälerei. Mache mir und meiner völlig übermüdeten Tochter (sie durfte noch bis nachmittags bei den Taufeltern bleiben und Spaß haben, was sie wohl schon während der gesamten Übernachtung ausgiebig hatte = also nix Schlaf) Lasagne zum Abendbrot. Ich hab Riesenhunger! Und ich bin so froh, endlich Feierabend zu haben, Ruhe und Gemütlichkeit können jetzt einkehren, ich kann den Kater kraulen oder etwas ähnlich sinnvoll Produktives unternehmen, da klopft unerwartet meine Mama an der Tür und fragt etwas unsicher: "Sag mal, wo ist eigentlich dein Auto?"

Einen Moment lang ist in meinem Kopf Leere, aber dann SCHREI! Die Erkenntnis: Simba steht ja noch am Bahnhof im Parkhaus. Total vergessen! Ich stelle mir bildlich vor, jetzt noch mal was überzuziehen, da rauszugehen, wach und konzentriert zu sein, um das Auto?... und antworte: "Nein, sch... drauf. Ich bin vollkommen kaputt. Ich kann doch morgen früh einfach mit dem Bus zum Bahnhof fahren und Simba holen. Das geht doch auch". Da meldet sich meine Tochter zu Wort: "Aber Mama, Du hast morgen Fahrdienst und musst uns pünktlich zur Schule bringen." Heul! Wieder nix mit "Schluss für heute"!

Mama bringt mich zum Bahnhof, ich bringe mein letztes bisschen Kraft und Konzentration auf und mein Auto heim. Dort falle ich 21:30 auf die Couch und wache erst gegen Mitternacht wieder auf, weil mir ein grau gestromtes Fellbündel auf Brust gesprungen ist, um sich häuslich für die Nacht einzurichten. Schreck lass nach! Wo bin ich? Ach das muss mein Wohnzimmer sein, ich erinnere mich dunkel. Apropos "dunkel". Es muss Nacht sein. Bis all diese Erkenntnisse so richtig durchgesickert sind ist eine gute halbe Stunde vergangen. Irgendwie zerre ich mir dann die unbequemere Hälfte meiner Klamotten vom Körper, tappe ins Schlafzimmer (den Weg dorthin konnte mein Kleinhirn scheinbar ohne große Denkleistung noch rekapitulieren) und kippe ins Bett, wo ich morgens völlig zerknautscht mit Slip, T-Shirt und einzelner Socke wach werde.

Und wie ist das mit den erholsamen Wochenenden bei Euch so?

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