zugfahren auch

oder warum ich so schnell nicht wieder zugfahren wollte

01.11.2002 meine kinder sind beim babysitter gut untergebracht. ich habe einen parkplatz in laufweite vom s-bahnhof und in der tasche ein ticket nach wolfsburg. ich muss zum bahnhof zoo und dort in den interregio (heißt der so?) steigen. das klingt einfach. alles wird gut. bestimmt.

voll motiviert erklimme ich samt großer reisetasche die stufen des s-bahnhofs. es ist kalt und windig und nieselt ein wenig. meine bahn wird schon auf der anzeigetafel über dem gleis angepriesen. sie hat zwar letztendlich zehn minuten verspätung, aber was soll·s? ich habe alles so geplant, dass ich am bahnhof zoo dreißig minuten zeit haben werde, um den interregio zu bekommen. für gewöhnlich haben die ja eher verspätung als verfrühung.

ich habe mich neben meiner riesen-tasche gerade eingeärschelt und meine beine dicht an die heizung sortiert, da plärrt es aus dem lautsprecher (er muss direkt über mir hängen) "sehr geehrte fahrgäste, zwischen den bahnhöfen wannsee und knisterbrtzel ist bis zum krkstag schienenersatzverkehr. bitte nutzen sie in die bereitstehenden bussknisterkrrks"...
meinen die mich? ich soll was? busfahren? wo fährt der denn hin? nur keine panik, versuche ich mir einzureden, der busfahrer wird wohl wissen, dass er heute eine s-bahn ist und demnach auch zu irgendeinem s-bahnhof fahren. *schluck* na wird schon!

ich zerre meine tasche aus der s-bahn und laufe den anderen reisenden nach, die hoffentlich bescheid wissen. wir finden einen bus, ich quetsche meine tasche durch die schmale tür und finde einen stehplatz mitten im gang. nun ja - ich bin mit meiner reisetasche allen im weg. aber die hatten bestimmt alle vorher schon schlechte laune. bestimmt.

wir werden irgendwo in der pampa ausgeladen (ich weiß bis heute nicht, wo ich war) und ich folge den allwissenden regelmäßig-öffentliche-verkehrsmittel-nutzern auf einen bahnsteig, auf welchem wirklich und wahrhaftig eine s-bahn wartet. an meiner reisetasche ist seltsamerweise noch nicht der tragegurt abgerissen, obwohl ich mich mit vielen menschen durch schmale gänge und türen drängeln musste.

ich sitze. in einer s-bahn, die nach aussage einer leidensgenossin auch am bahnhof zoo hält. ich habe nach meinen berechnungen am bahnhof zoo noch 18 minuten zeit. das wird schon werden. "rauschzzs auf grund technischer probleme am klicksrz bitten wir alle reisendenden, am krssstzahnhof auf dem gegenüberliegenden bahngleis in die bereitstehende s-bahn nach kkkkrkse umzusteigen. dieser zug endet hier."

die wollen mich prüfen. bestimmt spielen die götter ein lustiges brettspiel und ich bin eine der figuren, die gleich der zwickmühle zum opfer fällt... *schreiunterdrück* alles wird gut! ich hab noch 18 minuten, die ich für diverse taschen-schlepp-aktionen gern verpokere. ich hole tief luft, schleppe meine tasche treppab und treppauf und steige in eine andere s-bahn. einen sitzplatz suche ich mir diesmal nicht - das lohnt ja eh' nicht!

ich bin am bahnhof zoo angekommen! ehrlich! ohne weitere umsteige-manöver. und das beste: ich habe noch dreizehn minuten. das müsste klappen! der bahnhof gleicht einem bienenstock. alle diese menschen hetzen in verschiedenen undurchschaubaren mustern hin- und her. manche, die etwas langsamer sind, werden von anderen schnelleren einfach in die randberieche abgedrängt. mir fällt auf, dass es ein paar ganz harte gibt, die in diesem gewimmel kaffee trinken... ??

im foyer gibt es eine große anzeigetafel für die abfahrenden und ankommenden züge. ich durchschaue sie fast sofort. mein zug fährt vom gleis 2 und von verspätung steht auch nichts dran. es ist nicht ganz einfach zu erkennen, wo es zum gleis 2 geht, aber auch diese hürde nehme ich bravourös und stehe zehn minuten vor abfahrt stolz mit großer und immer noch vollständiger tasche auf dem gleis 2. gerade rechtzeitig um eine durchsage zu hören: "achtung reisende nach xxx über wolfsburg. ihr interregio wird aufgrund technischer probleme vom gleis 4 fahren. achtung reisende nach..." ich begreife zwei dinge. erstens die lautsprecher haben eine 1A qualität und zweitens stehe ich auf dem falschen bahnsteig.

treppe runter *drängel* treppe hoch *quetsch* gleis 4. da stehe ich und schaue noch einmal auf mein ticket. wie war das mit den platzkarten? da gibt es so bereiche auf den bahnsteigen, die mit buchstaben gekennzeichnet sind. man kann auf großen tafeln nachschauen, in welchem bereich der wagen mit der platznummer X zum stehen kommen wird. hhhm... diese tafel befindet sich auf dem bahnsteig 2. ich bin am gleis 4 und habe keine ahnung, ob ich hinten oder vorne einsteigen sollte, geschweigedenn, ob der zug von rechts oder links in den bahnhof fahren wird... ich bleibe stehen wo ich bin. das scheint mir vernünftig zu sein.

der zug kommt, die lautsprecher-dame bestätigt uns, dass der zug über wolfsburg fährt und keine verspätung hat. ich helfe einem pärchen, die gerade versuchen mit gepäck und zwei kleinstkindern vor mir durch die schmale tür zu klettern. sie sind superfroh, dass sie diese odyssee über verschiedene bahngleise überlebt haben. (ich begreife, wie gut es mir geht - ich musste nur meine tasche heil durch die menschenmassen bringen.

ich bin am falschen ende des zuges eingestiegen (war ja klar) und quetsche mich samt tasche durch die schmalen gänge. alle menschen in diesem zug sind sich gegenseitig im weg, beim verstauen von taschen, trinkpäckchen und hasenbroten fällt hier und da jemandem was aus der hand. aber alle leute sind freidlich - wahrscheinlich haben sie alle heute schon ähnliches hinter sich und die freude, endlich im zug zu sitzen überwiegt den ärger über ungenießbare stullen...?

ich finde meinen sitzplatz. wie alle anderen verstaue ich meine tasche und krame ein wenig schokolade heraus. nervennahrung! ich bin einfach nur froh. es wird wohl doch noch alles gut. in einer stunde bin ich schon da! während der fahrt passiert nichts. gar nichts. (das hebt meine stimmung gewaltig!) ich muss nicht umsteigen oder busse und gleise suchen. ich kann einfach sitzen und zusehen, wie der abend über's land kriecht und nach und nach alles in eine graue dämmerung taucht. schön so... wolfsburg wird angesagt. ich krame jacke und tasche zusammen und stelle mich schonmal an die tür.

*schluck* was ist das? ein gelber hebel neben der komplizierten beschreibung einer bewegung, die die tür öffnen soll. ach du liebes bisschen.*angestrengtnachdenk* ich soll was tun? den hebel nach links oben drehen und dabei gleichzeitig mein rechtes handgelenk gegen die fensterscheibe...? nein. das kann so nicht gemeint sein. den linken fuß in den spalt zwischen...? nein. ich schaue mich hilfesuchend um. niemand außer mir will in wolfsburg aussteigen. *panik* ich sehe die beschreibung nochmal an. was um alles in der welt tut man mit diesem hebel?

der zug wird langsamer. der bahnhof taucht auf. *herzklopf* ich werde die scheibe einschlagen, wenns sein muss. *schrei* fieberhaft untersuche ich den hebel. er bewegt sich kein stück. andere richtung. nichts. der zug hält an. der hebel tut nichts. die tasche zerrt an meiner schulter. *schwitz* vielleicht ziehen? der hebel bleibt wo er ist. drehen und ziehen gleichzeitig? *dampf*

draussen steht meine verabredung. ich klopfe mit letzter kraft an die scheibe und er hört mich tatsächlich! mein retter öffnet mir die tür. ich bin einfach nur noch superfroh, dass ich mich mit jemandem verabredet habe, der so klug ist und eine interregio-tür ohne anleitung öffnen kann. ich brauche jetzt unbedingt einen sitzplatz an der frischen luft und muss die jacke ausziehen *schitz* dann gehts mir auch bestimmt gleich wieder besser. und mit dem zug, ja? mit dem zug fahre ich so schnell nicht wieder!