zugfahren - zweiter versuch


ein drama in drei akten

fast neun monate war ich meinem schwur treu, nicht wieder zug zu fahren, solange es sich vermeiden ließe. tja ... und dann kam diese situation, in der es einfach sinnvoller erschien, drei tage lang die regionalbahn zu benutzen, statt sich morgens und abends mit dem auto durch den berufsverkehr von berlin mitte nach potsdam west (und zurück) durchzuwursteln. nun ja.

erster akt
zweiter akt
dritter akt

erster tag. 7:42 uhr MESZ. es folgt ein gespräch:

"wann fährt meine u-bahn?" (kaffeeschlürfen)
"alle fünf minuten." (rasierapparatsumm)
"wann ist das?" (besteckklingel)
"gleich. und dann alle fünf minuten" (wasserhahnzudreh)
"??? und wann fährt der zug ab alex?" (tassenklapper)
"8:07 uhr" (handtuchwurschtel)
"müssen wir dann nicht langsam los? wie lange braucht die u-bahn bis zum alex?" (kaffeerühr)
"ungefähr zwei minuten. wie spät ist es denn?" (nacktefüßetraps)
"7:48 uhr. wie lange laufen wir zur u-bahn?" (tassewegstell)
"ach du scheiße! wir müssen los!" (allesfallenlass)

es folgt ein wirrwarr aus unsortierten hosenbeinen, linksherum abgestellten schuhen, t-shirt-ärmeln die sich über köpfe stülpen wollen, aktentascheninhalten, frühstücksbroten, blusenknöpfen, handtaschen, fahrradschlössern und wohnungsschlüsseln

wir rennen. ich im buisness-outfit (pumps, kurzer rock, bluse, aktentasche, handtasche) er mit fahrrad und rucksack. ich klackere einen hektischen rhythmus mit den pumps auf die straße und breche mir bestimmt beim nächsten schritt die füße. (wär aber nicht so schlimm, denn dann darf ich zu spät kommen, ohne dass es ärger gibt.)

wissen sie wie lang ein u-bahnhof ist? ich schätze mal so ungefähr 300m? der eingang zur u-bahnstation wird umgebaut und ist geschlossen. "bitte benutzen sie die zugang x-straße!" wie lange braucht man, um 300m zu laufen? nun ja. länger jedenfalls, als man eingeplant hatte. wir rennen zum anderen eingang. meine beine fühle ich fast gar nicht mehr. ich sage mir, dass das ein gutes zeichen ist. pumps beim rennen zu tragen trainiert sicher genau die muskulatur, die in unserer weich-ei-gesellschaft sonst nie benutzt werden würde. so!

völlig außer atem kommen wir in den stickigen bahnhof. ich entdecke den ticketautomaten und versuche ihn zu durchschauen.
"was für ein ticket muss ich denn kaufen?"
"berlin-ABC"
ich taste mich durch das menü auf dem bildschirm. berlin-ABC wird angezeigt. in meinem portemonnaie findet sich zu wenig kleingeld, aber der automat ist schlau! er kann auch geldscheine nehmen. nur meinen nicht. er spuckt ihn wieder aus. warum? das finde ich diesmal nicht heraus. denn:
"daaaaah... unsere bahn!"
"aber ich muss doch... ich kann doch nicht..."

hier sind schnelle entscheidungen gefragt. ticketautomaten überlisten und bahn verpassen? oder schwarzfahren und unter umständen die regionalbahn am alex erreichen? zweiteres! er zieht mich in die u-bahn. (handtaschezuhaltundgeldzurücksortier) drinnen schauen lauter müde, unmotivierte gesichter an uns vorbei ins leere.
"jetzt fahren wir also schwarz?" frage ich leise
"hast du nen fahrschein?"
"aber nein, du hast mich doch in die bahn..."
"dann fahren wir wohl gerade schwarz." er grinst mich breit an und ich hole tief luft, um protest zu äußern. "ssscht! alles okay. du kannst in der regionalbahn nachlösen."
wir flüstern vorsichtshalber. vielleicht ist ein kontrolleur in der nähe. kann man sich kraft seiner gedanken unsichtbar machen? ich habe keine ahnung, aber wir versuchen es zumindest, dicht an die u-bahn-tür gedrängt. zum glück müssen wir an der nächsten station schon wieder raus.

am u-bahnhof alex ist es genauso stickig wie in wahrscheinlich allen anderen u-bahnhöfen, nur sind hier noch mehr menschen unterwegs. als wir in die kühle morgenluft kommen bin ich heilfroh. wir überquerend den ganzen alex im eilschritt, soweit das eben mit pumps und ohne gefühl in den füßen möglich ist. die großen bahnhofsuhren sind nicht sehr beruhigend. sie zeigen 8:06 Uhr und ich kann beim besten willen nicht schneller laufen. wir hetzen die treppen hoch zum bahnsteig und auf der anzeigetafel steht die RB1 nach magdeburg. fahrplanmäßige abfahrtzeit 7:37 Uhr... fragewort mit "H" ... "Häää??"

die antwort folgt auf dem fuße. via lautsprecher verkündet eine nette frauenstimme, dass eben diese regionalbahn 30 minuten verspätung hat. wie praktisch! das ist genau jetzt! die bahn kommt tatsächlich in diesem augenblick. also schnell einsteigen. platz suchen. tief durchatmen. beine bequem hinstellen. buch auspacken. lesen. jetzt werd ich die nächste halbe stunde ganz entspannt hier sitzen. ich werde keinen stress haben. endlich kann ich die vorteile des bahnfahrens gegenüber des auto-durch-den-berufsverkehr-jonglierens in vollen zügen genießen! was für ein herrlicher start in den tag. vor dem fenster ziehen unterbrochen von verschiedenen bahnhöfen und dem geplapper vieler menschen erst häuserschluchten, dann kleinere vororte und am ende sogar ein wenig landschaft vorbei. klasse!

als ich das nächste mal von meinem buch hochschaue verlassen wir gerade einen bahnhof, der mir seltsam bekannt vorkommt. ich recke meinen hals, um zurückzuschauen und erkenne, dass wir gerade potsdam-rehbrücke hinter uns lassen. mein buch ist wirklich sehr spannend. ich vertiefe mich wieder in die geschehnisse rund um die holistische detektei. ein paar geografische fragen quetschen sich zwischen meine gedanken über "die verflechtung aller dinge untereinander".

eine karte vom berliner raum erscheint vor meinem inneren auge. zoOOM. großaufnahme mit zwei blinkenden roten punkten: rehbrücke und potsdam hauptbahnhof. *alarm* meine kenntnisse vom gleisnetz der deutschen bahn sind sehr beschränkt, aber die tatsache, dass es zwischen potsdam rehbrücke und potsdam hauptbahnhof keine bahngleise gibt (außer die der straßenbahn) sickert dann doch langsam in mein bewusstsein. ach du sch...! ich bin geliefert. gehetzt sehe ich mich um, packe meine sieben sachen, renne zur tür und postiere mich davor, um bei nächster gelegenheit diesen zug fluchtartig zu verlassen. aber wo um himmels willen wird das sein?

es ist wilhelmshorst. der zug kommt zum stehen ich stolpere hinaus in die freiheit und stehe prompt vor dem nächsten problem. "wie komme ich hier wieder weg?" zwei zehntel skunden später gefolgt von einem einleuchtenden antwort-gedanken: "das gegenüberliegende gleis. zurückfahren zum bahnhof rehbrücke. dort gibts ne straßenbahn und du kommst zur arbeit..."
das ist leichter gedacht als getan. wie komme ich da rüber? ich kann doch nicht über die schienen klettern. ich schaue mich suchend um. ah! zwischen zwei verwahrlosten büschen versteckt gibt es einen fußgängertunnel. nichts wie durch und auf die andere seite hoch und ... oh nein! das sind doch nicht etwa?

doch! die rücklichter des zuges, der mich zurückbringen sollte. jetzt habe ich zeit. treppe wieder runter *stöckel* fahrplan suchen. dieser bahnhof ist winzig! auf einer landkarte sicher nicht einmal eingezeichnet. es gibt hier außer diesen sträuchern, die vor jahren zum letzten mal gestutzt wurden und einem papierkorb nichts, was auf intellegentes leben schließen lässt. daher hält es sicher niemand für nötig, hier einen aktuellen fahrplan auszuhängen... nun ja. wenigstens weiß ich jetzt, dass ich in der RB3 nach dessau saß statt in der RB1. immerhin etwas.
ich klackere die treppe wieder hoch und setze mich in die sonne. lesen hilft bestimmt!

was'n glück, dass ich ein buch dabei habe, denn ich muss eine ganze stunde warten, bis ein zug kommt. ich finde aber tolle sachen heraus. zum beispiel finden es arbeitskollegen total lustig, wenn man anruft und erklärt, dass man zu spät kommt, weil man im falschen zug saß. außerdem sehe ich bei einfahrt des zuges, dass da vorne "R3" dransteht. (wer lesen kann ist im vorteil!) und ich finde auch heraus, dass der schaffner ein sehr kompliziertes gerät von geringer größe aber hohem schwierigketsgrad besitzt, mit welchem er fahrscheine zum nachlösen ausdrucken kann. das geht allerdings nun auch wieder nicht sooo schnell. er schafft es zwischen wilhelmshorst und rehbrücke nicht, mein ticket fertig zu buchen. ich darf aber trotzdem aussteigen und zur straßenbahn rennen.

da ich eine ehrliche haut bin, stöckel ich in der 10 minuten später erscheinenden straßenbahn als erstes zum fahrscheinautomaten. potsdam-normaltarif. 1,40 € ah ja. blick ins portemonnaie - kleingeld? nein. blick auf den automaten - nimmt er scheine? nein.
diese zwei kontrahierenden informationen geben mir den rest. meine euphorie fällt langsam in sich zusammen. so erholsam ist das mit dem bahnfahren dann wohl doch nicht? schwer enttäuscht setze ich mich direkt neben den automaten und beschließe, dem kontrolleur alles zu erzählen, was mir heute schon widerfahren ist. ob er dann mitleid haben wird? ich komme nicht dazu, das empirisch zu ermitteln, da ich keinem kontrolleur begegne.

zehn minuten vor der ersten sitzung des tages komme ich an meinen schreibtisch. die zeit reicht gerade noch, den pc anzuschalten. frühstück esse ich heute erst um 14:00 uhr. aber dafür kommen heute unglaublich viele kollegen in meinem büro vorbei. wer hat denen gesagt, dass ich im falschen zug saß?

gegen 17:30 uhr trifft mich die schwere erkenntnis, dass ich ja auch wieder zurück muss! wo werde ich ankommen? und wann? ich hacke mich augenblicklich auf die internetseiten des öffentlichen personen-nahverkehrs und recherchiere alle straßen- regional- und u-bahnverbindungen der nächsten drei stunden. wechsle meine gesamte barschaft in münzen, nicht größer als 1 €. (das ist recht schwierig. entweder alle meine kollegen sind allesamt auch mit der straßenbahn hier, oder sie wollen morgen eine neue geschichte von mir hören.)

mit einem riesen-papierstapel in der aktentasche und einem zwei-kilo-portemonnaie mache ich mich auf den weg in den feierabend. es läuft alles wie am schnürchen. dank meiner guten vorbereitung und meiner neuen entdeckung, dass lesen bildet, kann ich in der potsdamer straßenbahn bereits eine berlin-ABC-karte kaufen. ja ja. wenn man lesen kann, erfährt man allerhand! zum beispiel, dass die potsdamer straßenbahn komplett im berlin-C-bereich fährt. jawoll!

ich kann meine neu gewonnenen erkenntnisse über das straßenbahnnetz gleich an ein paar ausländern testen, die nicht wissen, wo sie aussteigen sollen. ich erkläre es ihnen in meinem besten schul-englisch und untermauere mein wissen mit dem A4-farbausdruck des potsdamer verkehrsnetzes. ich hätte ihnen bestimmt auch noch ein paar sehenswürdigkeiten gezeigt, wenn ich nicht hätte umsteigen müssen. sie schauen mir nach, als käme ich von einem anderen stern.

aber ich bin nicht zu bremsen. mein fundiertes fahrplanwissen und eine portion eingeredete selbstsicherheit werden mich retten! und tatsächlich. ich komme letztendlich wirklich heil zum alex. es ist unglaublich! (singundtanz) ich kann es!

das dachte ich. bis zum zweiten tag.