zugfahren - zweiter versuch


ein drama in drei akten

fast neun monate war ich meinem schwur treu, nicht wieder zug zu fahren, solange es sich vermeiden ließe. tja ... und dann kam diese situation, in der es einfach sinnvoller erschien, drei tage lang die regionalbahn zu benutzen, statt sich morgens und abends mit dem auto durch den berufsverkehr von berlin mitte nach potsdam west (und zurück) durchzuwursteln. nun ja.

erster akt
zweiter akt
dritter akt

zweiter tag. 7:42 uhr MESZ. wieder ein gespräch:

"ich werd heute ein bisschen früher losrennen" (kleidchenüberzerr)
"ja gestern war alles wohl etwas knapp" (rasierapparatsumm)
"ich hab sogar noch kleingeld für's ticket" (handtaschepack)
"du bist gut" (wasserhahnzudreh)
"bin fertig" (schuheanzieh)
"bis heute abend?" (nacktefüßetraps)
"bis heut abend. tschüss schatz" (luftkussundlosrenn)

ich klackere den gleichen hektischen rhythmus aufs straßenpflaster wie gestern. portemonnaie und aktentasche sind noch immer zum bersten voll und schwer. der eingang zum u-bahnhof ist genauso gesperrt wie gestern und die luft im bahnhof zum schneiden dick. der ticket-automat druckt mir eine berlin-ABC-karte gegen überlassung diverser münzen und die u-bahn erscheint genau in dem moment, als ich geld und ticket wieder in der handtasche verstaut habe. maßarbeit!

ich klackere quer über den alex, treppe hoch zum gleis 2. die RB3 nach dessau fährt gerade ein. aber die legen mich nicht nochmal rein! ich bleibe stehen und behalte die anzeigetafel diesmal genau im auge. die RB1 kommt und ich steige trotz der gewissheit, dass das stimmt, mit einem kurzen flauen gefühl in der magengegend ein. cool. es gibt noch sitzplätze in fahrtrichtung. ich packe die holistische detektei aus und vertiefe mich in die lektüre.

"die fahrkarten bitte!"
ich krame mein ticket aus der tasche und strahle die schaffnerin an. sie lächelt zwar nicht zurück, aber das nehme ich ihr nicht krumm. sie nimmt einfach nur mein ticket in die hand, taxiert es und schaut mich dann über den rand ihrer brille fragend an.
"stimmt was nicht?" (ich rattere den gesamten ticket-ausdruck-vorgang in gedanken nochmal durch. hab ich was falsch gemacht?)
"der fahrschein ist nicht entwertet" (sie fixiert mich immer noch über den brillenrand)
"wie? entwertet?" (ich verstehe nur bahnhof)
"sie müssen die fahrkarte entwerten! a b s t e m p e l n!"
"aber die ist doch aus dem automaten" (der potsdamer straßenbahnautomat stempelt gleich die uhrzeit drauf)
ein langer abschätzender blick folgt
"tut mir leid. aber das wusste ich nicht" (mein kleinlautester hundeblick folgt)
sie seufzt schwer "aber beim nächsten mal denken sie dran. sonst kostet das 40 €!"
sie schreibt die uhrzeit auf meinen fahrschein und gibt ihn mir zurück. es folgt noch ein blick, der fast bedauernd aussieht, dann wendet sie sich den nächsten fahrgästen zu.

was für eine enttäuschung! meine wunderbare vorbereitung, das studium diverser internetseiten... alles umsonst, wenn man nicht lesen kann. auf dem fahrschein steht unmissverständlich "vor fahrtantritt entwerten" *seufz*

straßenbahn bekommen, umsteigen, aussteigen. das alles klappt dann wieder wunderbar und ich hake das unentwertete ticket unter "wieder was gelernt" ab. zum feierabend hin lese ich mir nochmal alle fahrplanausdrucke und sicherheitshinweise durch. ich rechne nochmal nach, welche bahn ich bekommen muss und mache mich pünktlich auf den weg. straßenbahn, umsteigen, regionalbahn.... geht doch! alles nach plan. mein ticket ist entwertet, denn es stammt aus einem potsdamer automaten, der das gleich miterledigt und ich habe endlich wieder ein gefühl von entspannung. was die anderen können muss ich doch auch irgendwie hinkriegen! (da ich nicht so genau weiß, was die anderen hinkriegen mag diese vermutung stimmen...)

ich bin schon ein paar seiten in meinem buch vorangekommen als ein bekannter ruf ertönt:
"die fahrkarten bitte"
"selbstredend gerne" ich reiche dem schaffner siegssicher meine karte ... sein kritischer blick macht mich unsicher und ich versuche es vorsichtshalber mit "die ist aus potsdam" (vielleicht kennt er diese sorte ausdruck nicht?) weit gefehlt:
"diese karte ist für die zweite klasse" ich sehe ihn verständnislos an
"zweite klasse?" ich bin doch allein unterwegs
"junge frau, sie sitzen hier in der ersten klasse"
ich fühle mich einem zusammenbruch nahe "wie bitte?" (ich will eigentlich nur gesagt bekommne, dass ich mich verhört habe)
"sie haben nur für die zweite klasse bezahlt!" sein blick wird grimmiger.
ich nehme an, dass ihm jemand mit so großer unkenntnis wie meiner, noch nie begegnet ist und er daher vermutet, dass ich ihn veralbern will. "und wo ist die zweite klasse?" lenke ich ein, denn ich will mich nicht streiten. nach all meinen erlebnissen gehe ich davon aus, dass jeder, wirklich jeder mehr ahnung von den öffentlichen verkehrsmitteln hat, als ich.
sein daumenzeig mit angedeutetem kopfnicken ist eindeutig. ich packe meine sachen zusammen und er sieht mir lange nach, als wolle er prüfen, ob ich auch wirklich in die mir zustehende ecke des zuges verschwinde.

dass ich heil am alex ankomme freut mich heute nicht so sehr wie gestern, denn ich habe irgendwie den glauben daran verloren, dass mein dritter tag besser wird. was ich zu diesem zeitpunkt noch nicht weiß: ich werde recht behalten!